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Gelesen. Barker.

Pat Barker: Tobys Zimmer. Übertragen von Miriam Mandelkow. Zürich: Dörlemann, 2014.

In zwei Abschnitte ist das Buch geteilt: einen, 1912 spielend, in dem die eines Tages über das Erlaubte hinausgehende Liebe der jungen Malerin Elinor Brooke zu ihrem Bruder Toby geschildert wird, und einen zweiten, in dem Elinor 1917 erfährt, dass ihr Bruder als »vermisst, vermutlich gefallen« wohl nicht aus dem Krieg zurückkehren wird. Um seinen Tod rankt sich ein Geheimnis, das nach und nach aufgedeckt wird.

Thematisiert werden neben psychischen Verwerfungen, die das Ereignis zwischen den Geschwistern mit sich bringt, die Ausbildung Elinors, ihre Selbstwerdung (zu der natürlich das jungenhafte Kürzen der Haare, aber eben auch ein allgemein damals für Frauen ungewöhnlich selbstbewusstes Auftreten gehören), die freundschaftlichen und amourösen Beziehungen, in denen sie sich bewegt, die Ausbildung Elinors an der Kunstschule Slade, vor allem aber auch Elinors Umgang mit Tobys Tod.

Mir scheinen diese Aspekte teilweise recht formlos nebeneinander zu stehen, obwohl sie für sich genommen stilistisch fein ausgeführt sind; offenbar aber ist dieses Buch als einzelnes aber gar nicht abschließend zu beurteilen, denn es bewegt sich in einem in den Werken Barkers öfter besuchten Figurenkosmos (Elinor und ihr Freund Paul beispielsweise spielen auch in Life Class wichtige Rollen), und auch der Erste Weltkrieg als lebensbedeutsamer Einschnitt wurde schon in früheren Werken Barkers in Zentrum gestellt. Es gälte also im Umkreis weiter zu lesen.

Schon im Nachwort der Autorin findet sich ein Hinweis auf den im Buch fiktionalisierten, aber tatsächlich existenten Kunstlehrer an der »Slade School of Fine Art«, Henry Tonks, dem sie später in einem Hospital wieder begegnet, in dem vor allem Gesichtsverletzungen von Kriegsopfern behandelt werden. Hier dokumentiert er zeichnerisch, was junge Männer sich im Krieg gegenseitig antaten. Zeichnungen des realen Tonks finden sich [nur klicken, wenn du weißt, was du tust] hier.

(Abbildungen wie diese, allerdings in fotografischer Form in Ernst Friedrichs Krieg dem Kriege, ließen mich den Kriegsdienst verweigern. Es sollte uns mit Sorge erfüllen, dass das Buch, nachdem es jahrzehntelang immer wieder neu aufgelegt wurde, momentan, da gelangweilte Zeitgenossen angesichts der Krise in der Ukraine einen dritten Weltkrieg herbeifaseln wollen, nicht lieferbar ist.)

Doch auch literarische Spuren werden in verschiedenste Richtungen gelegt; so ist schon der Titel eine Reminiszenz an Virginia Woolfs Jacobs Raum (in dem Erinnerungen an Woolfs Bruder Thoby (!) verarbeitet werden), die Bloomsbury Group findet sich auch in Anspielungen wieder. Das Antigone-Motiv spielt ebenso eine Rolle wie das des Inzests, zu Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit gibt es eine Verbindung, und letztlich hat die Handlung eben auch etwas Kriminalistisches.

Es bleibt zu hoffen, dass Dörlemann mehr von Barker übersetzen lässt.

Buch bei Amazon angucken.

Gelesen. Ibuse.

Masuji Ibuse: Schwarzer Regen. Berlin: Aufbau, 1969.

Shigematsu Shizuma begreift als derzeit wichtigste Aufgabe die angemessene Verheiratung seiner Nichte Yasuko; da sich diese aber zur Zeit des Bombenabwurfs auf Hiroshima in unklarer Nähe zum Geschehen aufhielt, zögern die Heiratsagenten, die für gut situierte Männer die passenden Frauen suchen, denn eines der Opfer der Bombe kommt für sie nicht in Frage.

Shigematsu ordnet deshalb seine Tagebuchnotate über den August 1945 und fasst sie neu zusammen; indem er das unerträgliche Leid schildert, das er in Hiroshima gesehen und auch selbst erlebt hat, hofft er, die Schädigung, die Yasuko davontrug, zu relativieren.

Der wesentliche Teil des Romans besteht aus eben diesen Aufzeichnungen aus der Sicht des Erlebenden, der nicht weiß, welcher Art die Bombe war, die Hiroshima zerstört hat, die unterschiedlichen Auswirkungen – bis hin zur gehässig selbstgerechten Ausgrenzung der Opfer – jedoch in lakonisch scheinender Präzision in fast entschuldigendendem Ton protokolliert, um in Sorge um Yasuko dieser doch noch eine Chance auf eine gesellschaftliche Stellung zu eröffnen. –

Das Wichtigste, was Menschen wissen müssen, steht bereits in Büchern.

Zum Krieg.

»Wir Deutschen sind nach dem von uns verschuldeten Zweiten Weltkrieg und nach unserer totalen Niederlage deutlich weniger kriegsbereit als manche jener Nationen, welche beide Weltkriege gewonnen haben. Diese Haltung resultiert nicht aus idealistischem Pazifismus, auch nicht aus verwerflicher Feigheit, sondern aus der Einsicht in die katastrophale militärische Fehlentwicklung Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diese Lehre gelernt zu haben ist weiß Gott keineswegs verwerflich!«

(Helmut Schmidt in der lesenswerten Einschätzung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr, zunächst gehalten vor dem SPD-Parteivorstand, nun gedruckt in Die Zeit.)

Für den Abzug aus Afghanistan …

… sprechen sich Unterzeichner eines im Freitag erscheinenden Appells aus. Es sind dies (noch zu wenige, aber immerhin): Daniela Dahn, György Dalos, Dietmar Dath, Thomas Dörschel, Gretchen Dutschke-Klotz, Jürgen Flimm, Peter Hamm, Christoph Hein, Inga Humpe, Elfriede Jelinek, Marianne Koch, Friedrich Küppersbusch, Sarah Kuttner, Dirk von Lotzow, Thomas Ostermeier, Tim Renner, Harry Rowohlt, Horst Eberhard Richter, Charlotte Roche, Ruben Jonas Schnell, Friedrich Schorlemmer, Katharina Thalbach, Martin Walser, Roger Willemsen und Feridun Zaimoglu.

Es wird Zeit, dass auch die SPD-Oberen mal in die Puschen kommen und begreifen, dass ihre Basis diesen Krieg nicht will.

(Auch aus der Eutiner Kaserne starten dieser Tage wieder Soldaten nach Kundus. Natürlich wünscht man, dass sie wohlbehalten zurück kommen. Noch besser wäre es allerdings, sie dürften gleich hier bleiben.)