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Professor und Korrelation.

Kurz aus Klausurkorrekturen aufgetaucht. Den Artikel Hamburg stoppt WLAN an Schulen gelesen:

„Die Korrelation des Anstiegs von Überforderung, Kopfschmerzen, ADHS und psychischen Erkrankungen mit der wachsenden Nutzung der digitalen Medien ist besorgniserregend“, sagte der Ulmer Psychiater und Gehirnforscher Prof. Manfred Spitzer. Nach dem Stand der Wissenschaft sei deren Gesundheitsschädlichkeit eindeutig, die Belastung könne neben Konzentrationsstörungen auch zu Spermienschädigungen bis hin zu DNA-Strangbrüchen und damit zu Krebs führen. [Quelle, via Maiks Retweet]

(Damals bei Baumert das Wesen der Korrelation erfasst. Schüler_innen verstehen das Beispiel mit dem Schrumpfen von Storchpopulationen und dem Rückgang der Geburten (mancherorts korrelierend, aber eben nicht kausal verknüpft) auch recht schnell. Vielleicht sollte man Spitzer mal zu einer Nachschulung schicken? Mann, Mann, Mann …)

Lieber schnell wieder abgetaucht.

Wieder über Wasser.

So, die Klausuren sind durch, morgen folgen die Zensurenkonferenzen und allmählich eröffnen sich wieder Möglichkeiten der Weltwahrnehmung. Nur noch drei kleinere Klassenarbeitsstapel am Wochenende, dann können die auch (verdammt notwendigen) Sommerferien kommen …

Adorno, Busch, Camus, Lohbeck, Epiktet, Rammstein: Philosophie-Essays als Klausurersatz.

Da bei uns am Beruflichen Gymnasium das Fach Philosophie im 12. Jahrgang nur mit zwei Wochenstunden unterrichtet wird, ist kaum Zeit für die sinnvolle Unterbringung zweier Klausuren pro Halbjahr. Seit zweieinhalb Jahren schreiben die S bei mir daher ein philosophisches Essay, für deren Anfertigung sie drei bis vier Wochen Zeit haben und das sie in getippter und ausgedruckter Form bei mir abgegeben, als Klausurersatzleistung.

Die ersten Male bin ich ausgegangen von den Vorschlägen zum Bundeswettbewerb philosophischer Essay, inzwischen bediene ich mich da mit Aufgaben, ändere aber auch ab, da mir die Vorschläge zuweilen zu langweilig sind, und ergänze aus eigener Lektüre.

Anders als bei herkömmlichen Klausuren, bei denen alle S einen identische Aufgabe bekommen, haben die S in diesem Fall sechs verschiedene Schreibanlässe, von denen sie eines auswählen. Zu diesem schreiben sie anhand einer selbstentwickelten These zum Thema ein philosophisches Essay.

Die Themen waren diesmal diese:

1. »Taubstummenanstalt – Während die Schulen die Menschen im Reden drillen wie in der ersten Hilfe für die Opfer von Verkehrsunfällen […], werden die geschulten immer stummer. Sie können Vorträge halten, jeder Satz qualifiziert sie fürs Mikrofon, vor das sie als Stellvertreter des Durchschnitts gestellt werden, aber die Fähigkeit miteinander zu sprechen erstickt.« [Ado51, 179 (Nr. 90)]

2. »Oh, hüte dich vor allem Bösen! / Es macht Pläsier, wenn man es ist, es macht Verdruß, / wenn man’s gewesen.« [Bus72, 67]

3. Evelien Lohbeck: Noteboek

4. Ȇber den Luxus
Als Maß für den Besitz soll jedem das leibliche Bedürfnis gelten wie der Fuß für den Schuh. Bleibst du dessen eingedenk, so wirst du Maß halten. Andernfalls geht es ohne Aufhalten die abschüssige Bahn hinab. Es ist wie mit dem Schuh: gehst du über das Bedürfnis des Fußes hinaus, so wird er zuerst vergoldet, danach mit Purpur verbrämt, endlich gar gestickt. Ist einmal das Maß überschritten, so gibt es keine Grenze mehr.« [Epi84, 44 (Nr. 39)]

5. »Wenn man zu denken anfängt, beginnt man untergraben zu werden.« [Cam42, 10]

6. Rammstein: Ich will [Ram01]

Für den Korrigierenden sind diese Ersatzleistungen immer angenehmer als Klausuren, weil sie formal und inhaltlich wenig standardisiert sind. Sie können mit Interesse gelesen werden – auch wenn das Essay als Form beim ersten Mal nur wenigen hinreichend gelingt. Beim zweiten Durchgang geht's schon besser. (Übrigens ein Grund dafür, dass ich so gut wie nie Benotungsskalen vorab festlege, sondern immer erst mal die Ergebnisse ansehe.)

Beim Korrigieren benutze ich – wie immer bei Aufsätzen – einen Rückmeldebogen.

Unter den S gibt es übrigens zwei Gruppen: solche, die sich durch die recht offene Form herausgefordert sehen, sich freuen, dass sie mal über längere Zeit (oder aber auch einfach nachts, wenn es sich besser schreibt) zuhause an einer Aufgabe arbeiten können und (mindestens relativ) beachtliche Leistungen erbringen und solche, die die herkömmliche Klausur schätzen, weil man da weiß, was man hat …

Literatur:

[Ado51] Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1951 (Bibliothek Suhrkamp 236)
[Bus72] Busch, Wilhelm: Die fromme Helene. In: Das dicke Busch-Buch. Leipzig : Eulenspiegel, 1983 (EA 1872)
[Cam42] Camus, Albert: Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt Taschenbuch, 1991 (EA 1942) (rororo 12375)
[Epi84] Epiktet ; Schmidt, Heinrich (Hrsg.) ; Metzler, Karin (Hrsg.): Handbüchlein der Moral und Unterredungen. Stuttgart : Kröner, 1984 (KTA 2)
[Ram01] Rammstein: Mutter. Motor Music, 2001

Klausuren und Sibylle Berg.

So, letzte Klausuren dieser Ferien unterrichtsfreien Zeit korrigiert, Zensuren druntergeschrieben und gut is'. Nun noch rasch eine Das-sind-die-Fehler-und-so-könnte-man's-besser-machen-Präsentation basteln und die Dienstagsstunde ist fertig.

Die Klausur behandelte übrigens einen Kurztext von Sibylle Berg. Wenn man an Twitteraccounts etwas gut finden will, dann vielleicht den der Autorin. (Ich hab' ihn allerdings ganz old-school-mäßig per RSS abonniert. Erspart einem, zum »Follower« zu werden.) Dann wird auch gleich klar, dass viele der moralinsauren Lehren aus der Geschichte, die die S extra für den Deutschlehrer konstruierten und »rausinterpretierten«, vermutlich nicht ganz den Kern treffen.

Merksatz für die nächste Deutscharbeit also: Autoren sind immer mindestens drei Größenordnungen cooler als der Deutschlehrer, der ihre Geschichten mitbringt.

Klammerbemerkung.

Eine solche macht man, wenn man nicht weiß, wohin man gucken soll vor lauter Arbeit. Ich hatte das ja vorher schon einmal angesprochen, aber dieser Januar ist insgesamt wirklich kein erholsamer.

Nach den Essays kamen die Zensuren: ja, Zensuren geben (in diesem Fall für die Halbjahreszeugnisse am Beruflichen Gymnasium) macht richtig Arbeit und dauert wirklich lange, wenn man nicht vergessen will, dass eine Zahl für ein halbes Jahr Anstrengung stehen soll. Nebenbei habe ich drei halbe Klassensätze EDV-Arbeiten (Textverarbeitung) korrigiert und begonnen, die Vorschläge für das schriftliche Abitur vorzubereiten, die am Montag in einer Woche fertig sein sollen.

Ich habe dieses Jahr Prüflinge (P3) sowohl in Deutsch als auch in Philosophie. Pro Fach müssen drei Vorschläge ans Ministerium geschickt werden, das diese dann begutachtet und zwei zurückschickt, von denen die S sich am Tag ihrer Prüfung dann einen aussuchen dürfen.

Diese Vorschläge müssen den Einheitlichen Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung (EPA) entsprechen, mithin neben der eigentlichen Aufgabe und im Regelfall einem Textauszug, über den geprüft wird, auch noch ausformulierte Erwartungen enthalten, die dann zum Beispiel verdeutlichen sollen, worin der Unterschied zwischen »hinreichend differenzierten« und »umfassend differenzierten« Leistungen der S liegt.

Heute habe ich deshalb nicht – wie eigentlich geplant – die neue Buddenbrooks-Verfilmung gesehen, sondern stattdessen eine (!) der Aufgaben geschrieben.

Ach so: und all das steht hier nur, damit ihr wisst, warum auch ich momentan wenig blogge, obwohl es viel zu sagen gibt.

Beispielinterpretation im Deutschunterricht.

Für die S des 11. Jahrgangs habe ich eine Beispielinterpretation (zum Kapitel „Fahnen“ in Horváths Jugend ohne Gott) nach einem vorher besprochenen Muster aus einem Schulbuch geschrieben.

(Ausgangspunkt war eine HA, in der genau das von den S verlangt wurde. In einer Schreibkonferenz haben die S dann in Dreier- und Vierergruppen ihre Arbeiten verglichen, mithilfe eines sich genau am Muster orientierenden Korrekturbogens ihren MitS Rückmeldung gegeben sowie hervorragende S-Arbeiten verlesen. Ganz zum Schluss habe ich die Beispielinterpretation verteilt. – Ich stelle immer wieder fest, dass S erstaunt sind, wenn L genau dieselben HA wie sie selbst auch erledigen.)