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Gelesen. Orwell.

George Orwell: Nineteen Eighty-Four. Harmondsworth: Penguin, 1984.

Für £1.95 gekauft und zum ersten Mal gelesen im Juli 1985. Erneute Lektüre aus Gründen.

Echtheit und Wahn.

Zu Guttenberg schreibt im Vorwort (6) seiner Dissertation:

»Meiner Frau und meinen Töchtern sei diese familienunfreundliche Lektüre in tiefer Dankbarkeit zugedacht. Sie sind der unerreichte wie dauerhafte ›echte Augenblick‹ meines Lebens.«

So schreibt einer, der sich poetisch ausdrücken möchte: seine Familie ist aber nicht unerreicht, sondern Realität; wenn sie aber nicht unerreicht ist, steht das gleichgeordnete »dauerhaft« ebenso in Zweifel (abgesehen davon: wie kann ein Augenblick nicht erreicht, aber dauerhaft sein?); und wieso der »echte Augenblick« in die an anderer Stelle so häufig fehlenden, hier aber fehlerhaften, weil relativierenden Anführungszeichen gesperrt wird, versteht man wohl auch nur, wenn man zu Guttenberg heißt.

Das Guttenplag-Wiki weist inzwischen auf 267 von 393 Textseiten (fast 68%) nicht wissenschaftsüblich gekennzeichnete Zitate nach (hier herausragende Fundstellen), darunter viele, die auch unter noch so guttenbergfreundlicher Betrachtung nur als mit eindeutig verschleiernder Absicht in das Konvolut eingearbeitet angesehen werden können: zu Guttenberg hat im Wissen um sein Tun abgeschrieben oder abschreiben lassen.

So muss die widersprüchliche Widmung als Zeichen verstanden werden für die Orientierungslosigkeit Guttenbergs, der zwischen Realität und Schein offenbar nicht mehr zu differenzieren vermochte, dem Familienglück und Reichtum nicht reichten, der von allen geliebt werden wollte: »Letztlich ist es die Tragödie eines Menschen, der wohl nie ein normales Kind sein durfte, sondern stets nur ein adliges, mit dem entsprechenden Leistungsdruck« (Demokratie und Alltag), also ein trauriger Fall.

Wenn dann inzwischen die »Fans« zu Guttenbergs sich »gegen die Jagd auf Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg« in Stellung bringen, kann ich nur sagen »Agitiert nur, Agitiert nur.« Denn auch die Propaganda der Bild-»Zeitung« und der konservativen Freunde zu Guttenbergs können das Geschehene und eindeutig Belegte nicht ungeschehen und unbemerkt werden lassen. Einen Vernebelungsversuch dieser Art als »Versachlichung der Diskussion um zu Guttenberg« zu bezeichnen ist Neusprech pur: sachlicher und transparenter als die Analyse im Guttenplag-Wiki geht es nun einmal nicht, denn die Gegenüberstellung von Originaltexten und Dissertation ist für jedermann nachvollzieh-, überprüf- und ggf. korrigierbar.

Freunde würden zu Guttenberg raten zu kündigen, bevor ihm gekündigt wird – aber die »Freunde« bei Facebook brauchen ihre Lichtgestalt noch, und so darf er noch nicht gehen, sondern muss weiter leiden.