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Flüchtlinge – #bloggerfuerfluechtlinge

Früher


In der vierten Klasse saß ich neben meinem besten Freund R*. Seine Eltern hatten ihn nach einer wichtigen Stadt des nahöstlichen Landes benannt, aus dem sein Vater geflohen war. Schräg gegenüber saß N*. Sie zwar zweifelsohne eines der schönsten Mädchen der Klasse, und natürlich habe ich mich aus der Ferne gleich in sie verliebt. Ihre Eltern kamen aus der Türkei und waren der Arbeit wegen nach Deutschland gekommen. Selten spielte ich auch mit D*. Während das Deutsch R*s und N*s akzentfrei war, klang D* anders, und so fragte ich ihn einmal, wie lange er schon hier in Deutschland sei. Seine irritierte Reaktion auf diese Frage bedeutete mir, dass ein süddeutscher Dialekt kein sicherer Hinweis auf ausländische Herkunft ist.

Während ich in einem älteren Viertel des Stadtteils lebte, wohnten die meisten anderen Kinder in einem nach inzwischen polnischen Gebieten benannten Straßenzügen. Sie hießen Masurenring, Pillauer Straße oder ähnlich und hielten damit die Erinnerung an eine Flucht aufrecht, die die Kinder allenfalls aus Erzählungen ihrer Eltern oder Großeltern kannten.

Schon vor der ersten Klasse übrigens hatte ich gelernt, dass Angst vor bestimmten großen Kindern durchaus berechtigt ist und man ihnen besser aus dem Weg geht. Welcher Nationalität sie oder ihre Eltern oder ihre Elterneltern waren, war dabei vollkommen schnuppe – es waren die aggressiven Kinder, häufig nicht besonders helle, aber bullig auftretend, die mich zuweilen lieber Umwege machen ließen.

Heute


Jeden Tag wird in den Nachrichten über ein weiteres Verbrechen des braunen Terrorismus berichtet: Brandanschläge auf geplante Flüchtlingsheime, Angriffe gegen schon bewohnte Unterkünfte und die sie schützenden Polizist_innen und andere Übergriffe. Der Terror, den die rechten Banden dabei ausüben, ist eine Gefahr für Leib und Leben der Bedrohten, aber auch eine Gefahr für unser Gemeinwesen. Wer hier auch nur an Rechtfertigung denkt, hat ein ernsthaftes Problem.

Wir leben in einem reichen und friedlichen Land. Die Menschen flüchten zu uns, weil sie hier sicher sind vor Leid aller Art, das sie in ihrem Heimatland erdulden mussten. Das Gebot der Nächstenliebe, des Einstehens für die Schwächeren, dürfte allen Menschen vertraut sein, die nicht vollends verroht nur ans eigene Raffen denken – welche Erlebnisse führen stattdessen zur Entstehung einer egozentrischen, narzisstischen, selbstmitleidigen, rassistischen Persönlichkeitsschwundstufe, die in der Lage ist, einen Brandsatz in ein Flüchtlingsheim zu werfen (oder dies gut zu heißen)?

Trotz dieser Geschehnisse in Heidenau und anderswo,11: Vergleiche zum Beispiel die Übersichtskarte hier, unten. die sich – inklusive der Zurückhaltung der Polizeiplaner gegenüber rechter Gewalt – in ein lange bekanntes Muster einordnen lassen, habe ich ein eher gutes Gefühl, was die Reaktion des größeren Teils der Bürger_innen und Bürger angeht. Die Schlagzeilen über die Gewalttaten sind das eine – das andere ist eine große Hilfsbereitschaft bei vielen, vielen ehrenamtlichen Helfer_innen, die zum Teil zum ersten Mal überhaupt oder wieder einmal Unterstützung für Flüchtlinge vor Ort leisten – sei es durch Bereitstellung von Lebensmitteln, Spielzeug, Fahrrädern, Kinderwagen, durch das Erteilen von Sprachunterricht, durch das Vermitteln zwischen Behörden und Flüchtlingen oder was auch immer. Manchmal ist es einfach Offenheit und eine hier ganz positiv verstandene Neugierde, die Menschen dazu bringt, aufeinander zuzugehen. Auch die Verwaltungen in Gemeinden und Kommunen arbeiten zum Teil mit großer Kreativität und Tatkraft daran, Flüchtlingen möglichst schnell Unterkünfte und Wohnungen zuweisen zu können.

Wir haben gemeinsam viele Schwierigkeiten zu meistern, aber – hey: wir sind nicht diejenigen, die flüchten müssen. Unser Zuhause ist nicht bedroht. Vielmehr dürfen wir denen helfen, die alles verloren haben.

– Joko und Klaas kenne ich nicht wirklich, weil wir kein Privatfernsehen empfangen und ich wohl auch nicht zur Zielgruppe gehöre. Aber ihr Video [via] ist ein sehenswertes, das ein paar Dinge ganz gut auf den Punkt bringt.


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(Man könnte zu diesem großen Thema noch lange weiterschreiben. Aber ich muss noch rasch eine Überweisung tätigen und dann wieder Elixiere des Teufels lesen: in der Schule ist Romantik angesagt …)

Flüchtlinge in Eutin.

Hartmut Buhmann berichtet im Ostholsteiner Anzeiger über das Willkommen von ehrenamtlichen und professionellen in der Flüchtlingsarbeit Engagierten für nach langer Flucht in Eutin Ankommende: parteiübergreifend und gesellschaftlich gegründet ist es in Eutin Konsens, dass »unsere« Flüchtlinge einen herzlichen Empfang ebenso brauchen wie eine gute Betreuung hinterher – bis zum Abschluss ihrer jeweiligen Verwaltungsverfahren.

Dass all dies in einem finanziell und juristisch wenig befriedigenden Rahmen geschieht, ist auf anderer Ebene – Bund bzw. EU – verantwortet; aber ich bin sehr erfreut über die auch in Aktionen wie der oben beschriebenen zum Ausdruck kommenden sehr positiven Stimmung in unserer kleinen Stadt, die das Unzureichende ertragen hilft.