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Achtung! Schulen gefährden Deine Zukunft!

Bei Nico Lumma liest man, das Bildungsbürgertum gefährde unsere Zukunft. Wie begründet er diese steile These? – Beispielsweise mit Argumenten wie diesem:

»Das deutsche Bildungssystem aber bleibt [im Gegensatz zur sich rasch wandelnden nichtschulischen Welt] fest in seinen Traditionen aus der Bismarck-Zeit stecken« – wer mit diesem Satz die Wirklichkeit an deutschen Schulen beschreiben will, hat sich seine Augen offenbar an zu kleinen Smartphonebildschirmen verdorben. Eine ganze Schulform (die Hauptschule) ist weggebrochen, neue Schulformen sind hinzugetreten; 1950 gab es eine Studienberechtigtenquote von 5%, um die Zeit von Lummas Abitur herum lag sie bei 30%, inzwischen bei fast 50% [Quelle] – wie kann man angesichts solcher Fakten und Zahlen vermuten, nichts habe sich an Schule geändert?

(Das angeführte »Bildungsbürgertum« übrigens halte ich in dieser Hinsicht für eine Schimäre: Eltern (gleich welcher sozialen Provenienz) wollen die beste Bildung für ihr Kind, weil sie vermuten, dass dies am ehesten (materiellen) Erfolg im späteren Leben verspricht. Wenn die beliebteste Schulform, das Gymnasium, ab morgen nicht mehr Latein, sondern, wie am Schluss des Artikels angedeutet, Javascript anböte, bliebe das Gymnasium gleichwohl die beliebteste Schulform. Es geht nicht um Bildung, sondern um Geld. Und mit »Bildungsbürgertum« hat das gar nichts zu tun.)

Nico Lumma zitiert Sir Ken Robinson beispielsweise mit dem Satz »All children start their school careers with sparkling imaginations, fertile minds, and a willingness to take risks with what they think.« – Wir alle wissen, dass sich dies im Laufe der Schulzeit ändert. Wem allerdings das Prinzip des Multitaskings vertraut ist, dem sollten monokausale Erklärungen (weiter Robinson: »Education is the system that’s […] stifling the individual talents and abilities of too many students and killing their motivation to learn.«] auch zu wenig sein.

Ja, auch ich bin der Meinung, unser Schulsystem sei noch nicht optimal aufgestellt (wir arbeiten daran). Aber Unlust an der Schule ist zumindest zeitweise auch eine soziale Verpflichtung für Schülerinnen und Schüler. So wie es zur Entwicklung junger Menschen gehört, sich über selbstgewählte Musik, Klamotten, Freunde zu definieren, ist es auch notwendig, die erwachsenendominierte Institution Schule bis auf die eine hervorragende Ausnahmelehrkraft, die von allen geliebt wird, abzulehnen.

Am beruflichen Gymnasium kommen Schülerinnen und Schüler zu uns, die die schlimmsten pubertären Wirren schon hinter sich haben. Sie kommen freiwillig und sie haben bei uns die Möglichkeit, sich noch einmal ganz neu zu entwerfen. Dazu gehört auch, dass einige einen Ehrgeiz entwickeln, der, so muss ich neidvoll anerkennen, mir in meiner Schulzeit vollkommen fremd gewesen ist. Sie wollen lernen. Sie wollen wissen, wie sie in einem Fach gut sein können. Sie wollen am Wissen arbeiten.

(Ich weiß nicht, ob sie Fontane, den wir jetzt gerade lesen, jemals wieder brauchen werden. Die S lesen alle zusammen Effi Briest. Sie haben sich dafür (und gegen Frau Jenny Treibel) entschieden. Bei meiner erneuten, zunächst unwilligen (Effi war mir immer fern) Lektüre von Effi Briest stelle ich fest, dass es mir besser gefällt als erwartet, ich lese Stellen, die mir bei den ersten Lektüren nicht so aufgefallen waren, neu und anders, in der Lektüre passiert etwas mit mir. Dies erhoffe ich mir auch für die Schüler – und ich bin sicher, dass es denjenigen S, die offen sind für derlei Eindrücke, ähnlich geht.)

Nico Lumma wirft abschließend ein düsteres Bild an die Wand:

Wenn wir so weiter machen, dann können wir uns vielleicht noch auf das Land der Dichter und Denker berufen, spielen nur im 21. Jahrhundert keine Rolle mehr. Wollen wir das? Wie bekommen wir diesen Knoten durchschlagen, wie finden wir Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft und wie sorgen wir dafür, dass unsere Schulen die Kinder und Jugendlichen sich wirklich ändern? Ich glaube, dass die Forderung nach einer Programmiersprache als zweite Fremdsprache ziemlich genau klarmacht, was sich ändern muß. Javascript ist den Schülern näher als Latein, ob die Lehrer es wahrhaben wollen oder nicht.

Mit dem letzten Satz maßt sich der Autor an, mit seinem Bild von Welt für »die Schüler« sprechen zu können. Er urteilt jedoch aus einer Wahrnehmung von Welt heraus, die wesentlich aus dem Netz besteht – das ist für die meisten S trotz Facebooknutzung nicht der Fall. Statt Schule besser zu machen (viele Wahlmöglichkeiten, Entdeckung und Entwicklung eigener Schwächen und Stärken etc.) möchte er nur einen Zwang (Latein) durch einen anderen (Javascript) ersetzen. Da die Altsprachler (aus gutem Grund) ihr Fach verteidigen werden, wird auch diese Forderung nur zu einer weiteren Aufblähung des ohnehin schon viel zu großen Fächerkanons führen …

Die Zukunftsgefährdung sehe ich mithin im Geschehen nicht – auch wenn ich mir so manches Mal eine Beschleunigung des Entwicklung wünsche. Ich denke aber auch immer an die Menschen, die das Netz in der heutigen Form konzipiert und gebaut haben: sie alle haben im konventionellen Schulsystem Denken gelernt oder wurden zumindest nicht davon abgehalten. Dramatisierung (Wir werden alle sterben!!Einself!) ist nicht angemessen.

Nee, Nico, das nervt: Pauschalurteile auf dem Niveau von Bildzeitungsschlagzeilen bringen die Schule nicht weiter. Engagiere Dich lieber im Elternverein, sorge dafür, dass die Schule Deiner Kinder vernünftig auch mit modernen Medien ausgestattet ist (daran mangelt es uns hier!), stell Dich als Co-Teacher zur Verfügung, verändere konkret, unterstütze die Lehrer, die unter prekären bildungsinfrastrukturellen Bedingungen gute Schule machen wollen. Hau nicht drauf, sondern hilf uns.

Wie geht’s weiter mit der Schule? (3)

Zu den Erkenntnissen Herrn Raus von der Digilern 2012 schrieb ich in etwa:

Danke für die Eindrücke und mitgeteilten Erkenntnisse (in deren Nähe sich meine auch befinden).

Nur noch ein paar Gedanken: Die Realität zeigt, dass das – »Es ist völlig egal, was die meisten Teilnehmer, mich eingeschlossen, wollen oder denken. Entscheidungen fallen anderswo« wahr ist. Andererseits haben schon Generationen Lehrkräfte (nicht immer zum Besten der Schule) gezeigt, dass es ihnen völlig egal ist, was anderswo gewollt oder gedacht wird – die Entscheidung fällt in ihrem Unterricht. Das ist sehr ärgerlich, wenn anderswo Gutes gewollt wird und der Grund für das Beharrungsvermögen in Bequemlichkeit liegt. Ich kenne aber (auch und gerade aus der Lehrerblogosphäre) eben auch viele gute Beispiele, bei denen Lehrkräfte kreativ drauflosprobieren und eine Menge Gutes dabei passiert. Nutzen wir doch unsere Freiheiten!

Ein Smartboard habe ich gerade gestern wieder auf einer Fortbildung in Aktion gesehen. Es musste (wegen Rechnerwechsels) mehrmals kalibriert werden (eine Angelegenheit von einer Minute für einen smartboardkompatiblen Menschen, eine Verzögerung von mehreren Minuten, die vom »nur mal schnell zeigen« abhält, für alle anderen …) und verführt den das Board Bedienenden dazu, sich nur mit dem Board zu unterhalten, da ja alle Bedienelemente dort sind …

Das digitale Schulbuch scheint mir auf eine Katastrophe zuzulaufen - was aber in der Natur der E-Booksache (wie die Verlage es sich vorstellen) liegt: lade ich einen freien Text für 0 Euro auf meinen virtuellen Kindle herunter, kann ich mit dem Text außer Lesen genau gar nichts anstellen. Ich möchte aber mit ihm arbeiten, ihn kopieren, auseinanderpflücken, bei Wordle zu hübschen Wortwolken werden lassen können … stellt aber Amazon ihn zur Verfügung, bezahle ich die Leistung des Zurverfügungsstellens mit seiner Unbrauchbarkeit. So arbeiten letztlich auch alle Verlage. Weil das Buch (in seiner alten Form) so enorm praktisch war, fallen die unnötigen Einschränkungen umso mehr auf. Grummelgrummelgrummel.