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Diktattexte und Rechtschreibung.

Anlässlich der Vorstellung von Diktattexten bei meinem Kollegen schrieb ich:

Passagen wie »wie weise, weiße Skihasen« kennzeichnen Texte dieser Art aber auch als groben Unfug: sie lassen den Text in die Sinnlosigkeit abdriften (inwiefern sollte Skifahrern Weisheit eigen sein? Wieso sind die »Skihasen« (»Skihasen«! Gute Güte!) alle weiß? (Wurden uniforme Skianzüge verteilt? – Etc.)). – Nee, nee, ein Kind, das derart traktiert mit sofortiger Orthographieverweigerung reagiert, darf meiner tief empfundenen Sympathie sicher sein. :-)

In Bezug auf das Lernen von zu unterscheidenden, aber ähnlichen Phänomenen (z. B. weise vs. weiße) lässt das Ranschburg-Phänomen die Gegenüberstellung unklug erscheinen. In der Situation einer Klassenarbeit erlaubt die Häufung von Zweifelsfällen zwar das rasche Abprüfen (relativ unaufwendig wird eine Note erzeugt), inwieweit die so erzeugten Ergebnisse allerdings etwas über die alltägliche Rechtschreibkompetenz aussagen, bleibt offen.

(Diktate schreibe ich mit meinen S nicht, da ich nur in der Oberstufe unterrichte. Tatsächlich muss ich mir daher gar keine Gedanken über sinnvolle Diktattexte machen. In Aufsätzen würde ich S, die in Rechtschreibung Schwächen zeigen, gern nur die erste Seite korrigieren – das reicht meist für einen Eindruck, und genug zu berichtigen ist auch.

Häufig bemerke ich aber auch, dass den S auf der/den ersten Seite(n) relativ wenige Fehler unterlaufen, sich die Fehlerfrequenz zum Ende der Arbeit aber erhöht. Ist es richtig, ihnen das anzukreiden (was mit der vollständigen Zählung aller Fehler passiert) oder muss ich nicht eigentlich erkennen, dass eine relativ hohe Rechtschreibkompetenz vorhanden ist, diese aber mit dem Zeitdruck zugunsten des zu vermittelnden Inhalts zurücktritt, zurücktreten muss?)

Mal wieder: Rechtschreibreform.

Anlässlich der Rückkehr des Spiegel zur alten Rechtschreibung schrieb ich im vergangenen August: »Der konservativ revoluzzende Avantgardismus von Springer und Spiegel ist vor allem eins: bedauernswerte, gernegroße Heldenthümeley«.

Dies bewahrheitet sich nun, da der Spiegel mit der Nummer 1/2006 wieder zur neuen Rechtschreibung zurückkehrt, was umso mehr erstaunt, als in der dazugehörigen reformkritischen Geschichte (Druckausgabe p. 124–132) analysiert wird, es sei »die Einheit der Schriftsprache zerstört«, »selbst Widersinniges [scheine] richtig«.

Die Wissenschaftsministerin Brandenburgs, Johanna Wanka, wird zitiert:

»Die Kultusminister wissen längst, dass die Rechtschreibreform falsch war. Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden.«


Das Urteil des Spiegel hierzu:

»Es ist ein erstaunlicher Satz. Es ist das Eingeständnis einer großen Niederlage.«


Vor diesem Hintergrund ist es dann natürlich nur konsequent, dass der Spiegel jetzt wieder reformiert schreibt.

(So, und nun geht's wieder an die Klausurkorrekturen. Nach neuer Rechtschreibung, latürnich.)

[Update 5.1.2005: Der Schockwellenreiter hat die Onlineversion des Artikels gefunden. Danke.]

Neue alte Rechtschreibung.

Dass Spiegel und Springer-Verlag nun auch zur alten Rechtschreibung zurückkehren wollen, veranlasste die Titanic zu weitergehenden Maßnahmen:

Titanic-Cartoon

Doch auch den Befürwortern der alten Rechtschreibung muss klar sein, dass ein Zurück nicht möglich sein wird. Sechs Jahre lang haben Schülerinnen und Schüler die neue Rechtschreibung gelernt; in ihrem Interesse dürfen ihre Schreibweisen nicht plötzlich wieder falsch sein -- anders als die meisten Kritiker der Rechtschreibreform müssen sie sich nämlich nach der gültigen Schreibweise richten (vgl. z. B. generation neXt, praegnanz.de) und dürfen nicht (wie Spiegel, Springer Verlag, taz, Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger oder wer auch immer) schreiben wie sie wollen.

Der konservativ revoluzzende Avantgardismus von Springer und Spiegel ist vor allem eins: bedauernswerte, gernegroße Heldenthümeley.