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Gelesen. Tempest.

Kate Tempest: Hold Your Own. Originaltext; ergänzt um Übertragungen von Johanna Wange. Berlin: Suhrkamp Taschenbuch, 2016.

Nachdem Everybody Down hier schon rauf & runter läuft, musste ich auch mal ein wenig in gedruckten Texten Kate Tempests lesen:

Hold Your Own beginnt mit dem Langgedicht »Tiresias«, das den Lebenslauf des Sehers, der uns beispielsweise in Sophokles’ Antigone in der Schreibweise Teiresias begegnen kann, in die aktuelle Zeit überträgt: ein Fünfzehnjähriger stromert der Schule ausweichend durch den Stadtwald, beobachtet Schlangen bei der Paarung. Verstört scheucht er sie auseinander, indem er sie mit einem Stock schlägt, und wird dafür von Hera mit einem Geschlechtswechsel bestraft. Fortan lebte Teiresias jahrelang als Frau, bis sie sich nach einiger Zeit wieder zum Mann verwandeln kann. Er wird in einem Streit zwischen Zeus und Hera als Richter berufen, entscheidet unter Verrat eines weiblichen Geheimnisses zugunsten Zeus’, worauf Hera ihm die Augen nimmt. Zeus versucht dies auszugleichen, indem er Teiresias zum Ausgleich zum Seher macht.

Auf das Langgedicht folgen einzelne kurze Gedichte, die aber in thematische Gruppen geordnet sind – »Childhood«, »Womanhood«, »Manhood«, »Blind Profit« – und damit wie auch innerhalb der einzelnen Gedichte mehr oder weniger explizit auf Tiresias und andere Mythen Bezug nehmen. Gleichwohl werden moderne Ereignisse geschildert, typische Situationen Heranwachsender gezeigt (»Bully«, »Thirteen«), wird vermutlich vielfach biografisches Material verwendet, Großstadtleben vorgeführt, Sprache und menschliches Sein reflektiert.

Language lives when you speak it. Let it be heard.
The worst thing that can happen to words is that they go unsaid.

Let them sing in your ears and dance in your mouth and ache in your guts. Let them make everything tighten and shine.

[…] [Erste Verse von »These things I know«]

Eine Stunde Bewegtbilder einer Performance des Zyklus:


Tempest lesen, hören und sehen kann nicht verkehrt sein.

(Johanna Wanges Übertragung scheint mir inhaltlich stimmig, kann aber der Unterschiede zwischen dem Deutschen und dem Englischen wegen den Rhythmus der Texte nicht 1:1 abbilden. Wo ich Wanges Übersetzung gebraucht habe, wird die Problematik auch gleich offenbar, etwa wenn in der Strophe

You’re the crazy on the corner
Old, and smelling weird
Queuing for electric
With birdbones in your beard. [Aus »Tiresisas«]

der vierte Vers mit »In der Schlange für die Strom-Wertbons« übersetzt wird. Als Nicht-Muttersprachler hätte ich diesen Vers vielleicht nicht genau verstanden, in der Übertragung wird mir der notwendige Hintergrund mitgeliefert, gleichzeitig aber die lakonische Kürze des Originalausdrucks vollkommen konterkariert. Gleichwohl halte ich die Parallelausgabe für empfehlenswert.)

Patti Smith und Bob Dylan.

Man mag ja darüber streiten, ob Bob Dylan nun die richtige Wahl für den Literaturnobelpreis 2016 war oder ob nicht andere diese Auszeichnung viel eher verdient hätten (und in welchem Jahr tun wir das nicht?), was aber in der Annahme bestärkt, es könnte eine weise Entscheidung gewesen sein, ist zum einen Dylans Fernbleiben, zum anderen Patti Smith, die, als Künstlerin fremd wirkend in der scheinfeinen Atmosphäre von Monarchen und Großbürgerinnen, an seiner Statt den musikalischen Beitrag liefert, und die gerade durch die Fehlerhaftigkeit des Vortrags, die stille Würde, mit der sie sich entschuldigt und neu einsetzt, den mittels Preisverleihung nur vermeintlich dem Publikum assimilierten, tatsächlich stets gegenkulturellen Wert des Vorgetragenen bestätigt.


[Update 16.12.2016:] Patti Smith zum Geschehen.

Lars Gustafsson (1936–2016).

Gustafssons Bücher gehören zu meinen langjährig Vertrauten; seine Pentalogie »Risse in der Mauer« habe ich einzeln, nachdem ich vor vielen Jahren die Wollsachen geschenkt bekam, mehrfach gelesen, auch der beispielsweise in Herr Gustafsson persönlich dargestellten Verbindungen zur deutschen Literaturszene der sechziger und siebziger Jahre wegen. Das seltsame Tier aus dem Norden und andere Merkwürdigkeiten ist nach wie vor besonders und empfehlenswert.

Seinem Schreiben war stellenweise Eitles nicht fremd, gleichwohl war die Lektüre intellektuell anregend, weil philosophisch unterfüttert. – Seine späteren Romane waren mir weniger nahe; sie schienen mir bei aller eher zunehmenden souveränen Routiniertheit des Schreibens weniger wichtig.

Zur Zeit lese ich anderes, doch eine Erinnerungslektüre steht an.

Es ist ein Jammer. Aber »wir fangen noch mal an. Wir geben nicht auf«.

– Ein Nachruf von Wolf Lepenies.

Umberto Eco (1932–2016).

Natürlich, ein erfolgreiches Buch: als ich Der Name der Rose in meiner Schulzeit zum ersten Mal las, verstand ich nur einen Bruchteil – der allerdings gefiel mir außerordentlich; mit der Nachschrift zum Namen der Rose lernte ich einiges über die Machart sich als postmodern verstehender Kunst, aber auch Literatur schlechthin; das Konzept der Intertextualität erfuhr am eigenen Leibe, wer sich nach dem Namen der Rose Texte von Jorge Luis Borges besorgen musste.

Später kamen Essaysammlungen und auch theoretische Schriften hinzu, etwa in der Sammlung Apokalyptiker und Integrierte, die mir nach wie vor einen Schlüssel zum Verständnis so mancher gesellschaftlichen Phänomene darstellt, später, das Studium vorbereitend, auch seine semiotischen Klassiker, Sprachwissenschaftliches.

Mit seiner Offenheit für die Untersuchung unterschiedlichster Niveaustufen kulturellen Schaffens – egal ob E oder U – nahm Eco schon früh die Bedeutung dessen vorweg, was heute als Popkultur gilt, ohne sich dieser allerdings anzubiedern oder den Unterschied zu highbrow-Kultur zu verwischen. Comics gehörten ebenso selbstverständlich zum Rezipierten, und sie wurden ebenso klug analysiert und gedeutet wie Manzonis Die Verlobten.

Das Foucaultsche Pendel kaufte ich natürlich auch sofort; die Beschreibung der Funktionsweise der vanity press gehört zur Pflichtlektüre zum Verständnis eines Teils des Verlagswesens; und was wir dort über die Funktionsweise von Verschwörungen und die Gefährlichkeit der an sie Glaubenden und zu allem Bereiten lesen, ist nach wie vor gültig und wichtig, um klaren Kopf behalten zu können im Geschrei.

Nach dem Pendel allerdings schwand so gemächlich der Genuss beim Lesen von Ecos Romanen; einen verpasste ich ganz & gar und entdeckte ihn erst zufällig. Dass einer hier gar noch ungelesen liegt, ist allerdings auf jeweils andere aktuelle Lektüren zurückzuführen und wird bei Gelegenheit korrigiert.

In verschiedenen Texten – mehr oder weniger literarisiert – Erinnerungen an die Kindheit, aus der Sicht des Kindes miterlebte Kämpfe gegen die Faschisten (ohne das kindliche Mitlaufen zu verharmlosen), Partisanentradition.

Ein Guter ist tot.

Gelesen. Ishiguro.

Kazuo Ishiguro: Der begrabene Riese. Übertragen von Barbara Schaden. München: Blessing, 2015.

In der New York Times eine Rezension von Neil Gaiman, im New Statesman ein Gespräch desselben mit Ishiguro; in der FAZ sagt Daniel Kehlmann ein paar Worte, Wesentliches plappert Hannes Stein in der Welt aus (letztere, möglicherweise aber einfach alle Rezensionen am besten also hinterher lesen).

Ishiguro habe ich über die Jahre wirklich vermisst, sein neues Buch freudig entdeckt; meine Erwartung hat es dabei nicht erfüllt. Die Geschichte von Axl und Beatrice, einem älteren Paar, das sich, in seiner Dorfgemeinschaft nicht mehr willkommen, auf die Suche nach seinem Sohn macht, ist als Geschichte der Liebenden zärtlich fast. Die zeitlich vermeintlich exakte Situierung im nachrömischen Britannien wird gestört durch die Existenz von Menschenfressern und anderen Monstern als Bedrohungen archetypischer Art, die die historische Verortung dekonstruieren. Auch wenn der Ton des Romans ein melancholisch feiner ist, ist die Geschichte insgesamt leider – je nach Verständnis – entweder nur Fantasy (und das können andere überzeugender) oder aber geradezu schmerzhaft auffällig bedeutungsschwanger. Selbst wenn sie Wahres mitteilen sollen, halte ich Allegorien doch eher für Literatur von gestern.

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London 2015 – Tag 1.

2015-07-22_124639Vorher besorgt man sich über AirBnB eine feine Wohnung mit ausreichend Bücherregalen, bucht Hin- und Rückflug zwischen HAM und LHR und lässt sich von Transport for London die Travelcards schicken. Beim Packen kann der Gewichtsbeschränkungen wegen eine Kofferwaage hilfreich sein. Am Tag vor dem Flug erledigt man den Online-Check-In (man verzeiht derlei Ausdrücke, weil es sich um eine englischsprachige Fluglinie handelt).

Am ersten Tag dann lässt man das Auto stehen, fährt stattdessen mit dem Taxi zum Bahnhof, von dort mit Zügen und S-Bahn zum Flughafen 2015-07-22_133413 in die große Stadt, gibt am Bag Drop seine Koffer auf (ist sich der Doppeldeutigkeit bewusst) und langweilt sich noch ein wenig, bis es nach der Sicherheitsschleuse zum Boarding geht. Damit sind wesentliche Schranken beseitigt und keine Ausreden mehr möglich, man folgt dem Rest der Familie in den Airbus A 319, sucht sich seine Plätze und schnallt sich so fest wie möglich. Startet der (fast erste) Flug, verbirgt man vor den routinierten Vielfliegern seine Höhenangst und den Nervenschock ob des momentan fühlbaren Durchsinkens des Flugzeugs beim planmäßigen Verlieren des Bodenkontakts im betont lockeren Parlieren mit Kind 2, das neben einem interessiert aus dem Fenster äugt.

2015-07-22_141152Konzentriert man sich auf das (wegen verdreckter Scheiben und allfälliger Reflektionen vollkommen blödsinnige) Fotografieren von Landschaft und Wolken und das Konsumieren von Chips in Kinderportionen, lässt sich die gute Stunde Flugzeit einigermaßen problemlos durchstehen, wenngleich man sich gleich zu Beginn der Existenz von Waste Bags versichert hat und zu ignorieren versucht, dass die Reiseflughöhe 10 km überschreitet. Die Landung in Heathrow gelingt formidabel und man ist versucht, dem Piloten, der sich mit seiner Crew zum Abschied am Cockpit aufstellt, die Enden sämtlicher Extremitäten zu küssen.

2015-07-25_113837Da man nicht direkt am Terminal angedockt hat, ist eine keltischen Schmuckmustern folgende Odyssee über das Flughafengelände mit dem Bus vonnöten, bevor man nach der Passkontrolle sein Gepäck zurück erhält. Die folgende Fahrt mit der tube (Picadilly Line bis Holloway Road Station) dauert über ein Stunde, dafür aber ist ein Umsteigen nicht nötig und durchleuchten lassen muss man sich auch nicht.

In der Wohnung angekommen, freut man sich über den Anblick, lässt zunächst alle Koffer und Taschen auf den Boden, sodann sich selbst entspannt aufs Bett fallen, ruht wenige Minuten aus, bereitet und trinkt rasch einen Tee, bevor die unmittelbare Umgebung zu Fuß erkundet wird. Im The Landseer gibt’s dann auch das ersehnte Bitter, das wir an den Tischen vor der Tür genießen können. Der Rest des Tages gehört der Erkundung der mitgemieteten Bücherregale, die ihre nerdigen Schwerpunkte in der Science fiction, auf klugen Sachbüchern (Bakewells Montaigne-Buch steht jetzt auf meiner Leseliste) computerorientierter Literatur (Gardner, Hofstadter, selbst Knuth’ Art of Computer Programming findet sich hier!) sowie Comics tragen.

Zu Tag 2.

Harry Rowohlt (1945–2015).

Übersetzte uns Flann O’Brien. Zelebrierte »Schausaufen mit Betonung«. Schrieb uns launig grantige Kolumnen. Las den Kindern liebevoll brummig von Pu dem Bären vor, immer und immer wieder, bis sie hätten auswendig mitsprechen können …

David Hugendicks Nachruf in der Zeit.

Gelesen. Willemsen.

Roger Willemsen: Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2014.

Ein Jahr lang begleitete Roger Willemsen das Geschehen im Bundestag von der Tribüne aus. In seinem Buch berichtet er von seinen Eindrücken, die er während der selbst auferlegten Fron sammeln durfte.

Er schätzt die Einrichtung aus theoretischer Einsicht, verzweifelt aber immer wieder über die tatsächliche Praxis voller eingefahrener Rituale, zu deren häufigsten Beispielen das besinnungslose Lob der Regierungsarbeit (insbesondere der Kanzlerin), Fraktionsscharmützel und die demonstrative Nichtachtung des politischen Gegners gehören.

Wer einen Einblick über Funktionsweise und Dysfunktionalitäten unseres Parlaments bekommen will, lese dieses Buch voller kluger Beobachtungen und Kommentare, die zwischen Bescheinigung guten Willens und Verzweiflung, Verurteilung und wohlangemessenem Unverständnis changieren.

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