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Professor und Korrelation.

Kurz aus Klausurkorrekturen aufgetaucht. Den Artikel Hamburg stoppt WLAN an Schulen gelesen:

„Die Korrelation des Anstiegs von Überforderung, Kopfschmerzen, ADHS und psychischen Erkrankungen mit der wachsenden Nutzung der digitalen Medien ist besorgniserregend“, sagte der Ulmer Psychiater und Gehirnforscher Prof. Manfred Spitzer. Nach dem Stand der Wissenschaft sei deren Gesundheitsschädlichkeit eindeutig, die Belastung könne neben Konzentrationsstörungen auch zu Spermienschädigungen bis hin zu DNA-Strangbrüchen und damit zu Krebs führen. [Quelle, via Maiks Retweet]

(Damals bei Baumert das Wesen der Korrelation erfasst. Schüler_innen verstehen das Beispiel mit dem Schrumpfen von Storchpopulationen und dem Rückgang der Geburten (mancherorts korrelierend, aber eben nicht kausal verknüpft) auch recht schnell. Vielleicht sollte man Spitzer mal zu einer Nachschulung schicken? Mann, Mann, Mann …)

Lieber schnell wieder abgetaucht.

Frauenfiguren in der Literatur (gesucht).

Aus gegebenem Anlass: suche Literatur deutschsprachiger Autorinnen oder Autoren der letzten zehn Jahre, in denen gute Frauenfiguren mindestens eine wichtige Rolle spielen. Bechdel-Test wäre vielleicht auch mal auszuprobieren. Des Lehrplans wegen gern das Thema Jugend / Adoleszenz berührend. Muss auch schon als Taschenbuch lieferbar sein.

Nach BibTeX nun BibLaTeX.

In meinem Unterricht arbeite ich mit Material – Texte, aber auch Abbildungen – aus verschiedensten Quellen; das Unterrichten per Schulbuch habe ich nie so richtig geübt, und so müssen immer wieder Arbeitsblätter erstellt werden.

Für die Schülerinnen und Schüler (S) soll dabei erkennbar sein, woher das jeweilige Material stammt. Schließlich möchte ich, dass auch in ihren Referatpapieren oder abzugebenden Hausarbeiten Quellen belegt werden – das sollte aber sinnvollerweise auch vorgelebt werden. Vielleicht aber ist die eine oder andere Quelle auch über den kurzen im Unterricht behandelten Ausschnitt hinaus nachlesenswert (und ja: ich glaube an S, die entsprechend handeln). Außerdem signalisiere ich so, dass die »Wahrheiten«, die da vorne verkündet werden, keine offenbarten, sondern auch nur erarbeitete sind: der L also ebenso wie die S daran arbeitet, sein Wissen zu erweitern (passt natürlich auch ins erkenntnistheoretische Curriculum: »Wahrheit« als des Irrtums letzter Stand).

Die Arbeitsblätter erstelle ich mit LaTeX, für die Bibliografie habe ich bislang BibTeX genutzt. Letzteres funktioniert zwar noch, wird aber abgelöst durch BibLaTeX (per Paket biblatex), das deutlich flexibler an die Nutzerwünsche anzupassen ist – unter anderem, weil für Zitationen und die erstellte Bibliografie unterschiedliche Stile gewählt werden können.

Weil das Erstellen der Bibliografie im Hintergrund abläuft, muss in der Praxis wenig verändert werden. Statt an der Stelle, an der später die Bibliografie erscheinen soll, per

\bibliographystyle{alphadin}
\bibliography{/Users/name/Documents/Schule/Sonstiges/literaturdatenbank}


den Zitierstil und den Speicherort der eigentlichen Bibliografiedatei anzugeben, geschieht dies nun mit den Zeilen

\usepackage[backend=biber,style=alphabetic]{biblatex}
\addbibresource{/Users/name/Documents/Schule/Sonstiges/literaturdatenbank.bib}


in der Präambel (statt biber kann auch bibtex8 verwendet werden, wenn biber nicht installiert ist) und dem Befehl

\printbibliography

am gewünschten Ort.

Den Stil alphadin, den ich mit BibTeX nutzte, gibt es in BibLaTeX nicht, stattdessen nutze ich zunächst alphabetic. Michael Domhardts din wiederum, dessen Bibliografiestil mir weitgehend zusagt, erzeugt, auch wenn man ihn mit dem Zitierstil alphabetic nutzt, nicht die in den Zitationen gebildeten Kürzel, sodass die Zuordnung Zitationskürzel – Quelle nicht offenkundig ist. So passe ich alphabetic mit einigen Änderungen an den gewohnten Stil an:

Abkürzungen wie ISBN, URL, DOI etc. werden in der erzeugten Bibliografie mit kleinen Kapitälchen geschrieben. Das halte ich für falsch, da es sich um Abkürzungen handelt, die nun einmal in Majuskeln gesetzt werden sollten. Auf Nachfrage bekomme ich in de.comp.text.tex von Rolf Niepraschk den Tip, die Zeile

\renewcommand*{\mkbibacro}[1]{#1}

zusätzlich einzufügen. Das ist zum einen in der Präambel möglich, kann aber, da es sich ja um eine grundsätzliche Entscheidung handelt, auch in der Stildatei geändert werden.

So kann bei dieser Gelegenheit eine Kopie der originalen alphabetic.bbx, der Stildatei, im lokalen texmf-Baum (beim Mac in /Users/name/Library/texmf) angelegt und mit einem eigenen Namen (in meinem Fall alphabetic-h) versehen (und entsprechend in der .tex-Datei referenziert) werden.

Weitere Änderungen habe ich aus Michael Domhardts din.bbx übernommen:

\DeclareNameAlias{default}{last-first}

statt

\DeclareNameAlias{author|editor|translator}{default},

denn bei einer alphabetischen Sortierung der Bibliografie nach Nachnamen ist es auch sinnvoll, den Nachnamen zuerst zu nennen.

Außerdem soll ein Doppelpunkt statt des Punktes nach dem Namen des Autors stehen sowie der Nachname durch Kapitälchen markiert werden. Hierzu füge ich aus Michaels Datei ein:

\renewcommand*{\labelnamepunct}{\addcolon\addspace}

\AtBeginBibliography{%
\renewcommand*{\mkbibnamelast}[1]{\textsc{#1}}% Nachnamen bei Autoren und Herausgebern in Kapitälchen
\renewcommand*{\multinamedelim}{\mbox{ }\addspace\addsemicolon\addspace}% Spatium und Semikolon als Autoren- und Herausgebertrenner
\renewcommand*{\finalnamedelim}{\multinamedelim}% Spatium und Semikolon als Autoren- und Herausgebertrenner
}


Auf diese Weise habe ich jetzt einen BibLaTeX-Bibliografiestil, der weitgehend dem alten BibTeX-alphadin entspricht.

Dank an Rolf und Michael sowie die anderen TeX-Gurus, die mir geholfen haben zu verstehen (denn es gibt auch eine hervorragende Dokumentation des biblatex-Autors Philipp Lehman (sogar eine deutsche Übersetzung derselben von Christine Römer und ihren Studierenden), diverse Erläuterungen von Dominic Waßenhoven etc.).

Rundbrief 46 (2014).

Der neue Rundbrief des Fachverbandes Deutsch im Deutschen Germanistenverband – Landesverband Schleswig-Holstein/Hamburg ist, nachdem er unseren Mitgliedern Anfang der Sommerferien zuging, nun auch online verfügbar. Erstellt natürlich wieder mit LaTeX (und Scribus fürs Titelblatt).

(Meinerseits diesmal nur mit zwei kürzeren Artikeln, die ich zuvor schon in diesem Blog veröffentlichte, worauf ich im Rundbrief folglich auch in Randnoten hinweise, die ihrerseits wieder einen Link auf die Artikel enthalten – hier drohen sich seltsame Schleifen zu formen …)

Schwierige Literatur bei Flix.

Zum Lernfeldteil »Wertung von Literatur« bei den Buchhandelsauszubildenden, in dem wir uns zuletzt über Widerständigkeit von Literatur am Beispiel von Finnegans Wake unterhalten haben, gibt’s passende Nachbilder in Flixens Heldentagen, Folge 907.

Es sei (aber) auch noch einmal auf The Rights of the Reader hingewiesen.

Grass für Lehrkräfte.

Gestern abend fand in der Stadtbibliothek Lübeck eine vom Günter-Grass-Haus organisierte Veranstaltung statt: eine Fortbildung für Lehrkräfte zu Grass’ Novelle Im Krebsgang. Da das Buch für das Berufliche Gymnasium in Kürze Korridorthema (also für das Zentralabitur relevant) wird, kann es nicht schaden, sich schon mal ein bisschen ins Thema einzuhören, und so fanden sich auch ein Kollege und ich zum Lernen ein. Auch wenn ich kein Foto vom Autor habe (die anderen pausenlos Fotografierenden waren schon störend genug), sei hiermit versichert, dass die Veranstaltung stattgefunden hat und sowohl Autor als auch Zuhörende teilgenommen haben.

Zu Beginn las Grass den Anfang der Novelle vor, ein kleiner Einspielfilm zeigte eine Ahrensburger Schulklasse beim Autor zu Besuch und im Gespräch, dann führte Jörg-Philipp Thomsa, Leiter des Grass-Hauses, einen Dialog, in dem die zuvor aus dem Publikum gesammelten Fragen gestellt und zum Teil sehr ausführlich beantwortet wurden.

Grass zeigte sich die ganze Zeit launig und vergleichsweise positiv gestimmt, und die Bereitschaft, sich einem Publikum aus Lehrkräften auszusetzen, rechne ich ihm hoch an. Dass inhaltlich nicht viel Neues zu erfahren war, wenn man sich einmal auf die Behandlung der Novelle im Unterricht vorbereitet hat (und daher natürlich auch ein wenig drumherum liest), ist schade, aber ein Profi wie Grass kennt natürlich sowohl die zu erwartenden Fragen als auch die zurechtgelegten Antworten.

An einer Stelle ging er auf den Aspekt der Faszination von Kriegstechnik ein (die er als junger Mann auch verspürt habe) und verglich dies mit der heutigen Aufrüstung mit Drohnen – seien sie nun bewaffnet oder unbewaffnet. Hier drohten eben auch wieder neue mögliche Verbrechen.

Den Abschluss bildete die Lesung eines Gedichts, in dem Grass die vermeintlich überbordende Ratio der Schulbildung zurückwies und dem Anderen, Widerständigen, auch: Ungebildeten das Wort redete. Ob ich ihm darin so zustimmen kann, weiß ich nicht – mich beeindruckt Widerständigkeit und Andersartigkeit dann, wenn sie sich nicht auf das Gefühl beschränkt, sondern die Schärfe des Gedankens pflegt, klug ist im besten Sinne des Wortes. (Lichtenberg fällt mir hier ein.)

Insgesamt war die Veranstaltung im schönen Scharbausaal erfreulich; den Organisatoren sei ebenso wie dem Autor für die Bereitschaft zur Teilnahme gedankt.

Das Grass-Haus hat übrigens eine Lehrermappe verteilt, die auch als Download verfügbar ist. (Auf das Verzeichnis der Interpretationshilfen für Schülerinnen und Schüler sei ebenfalls verwiesen, auch wenn Grass darauf bestand, dass das Lesen des Buches am ehesten Erfolg verspreche.)

Gelesen. Lanier. (Und Friedenspreis.)

Jaron Lanier: Who Owns the Future? London: Penguin, 2013.

Lanier zu lesen ist deshalb lohnend, weil er gängige Mythen der Netzkultur hinterfragt. Notwendig wird dies einer gewissen saturierten Selbstgefälligkeit wegen, die vielen sich selbst als digital natives Begreifenden eigen zu sein scheint.

Angesichts der hier ja schon erwähnten Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels beispielsweise schreibt Jürgen Geuter

Der Friedenspreis für Jaron Lanier ist eine Kampfansage an das »Netz des Everybody«, das Internet der Kollaboration und der Crowds, das Netz, in dem dezentrale Gruppen Wissen und Kultur schaffen. Er ist eine Ablehnung von Ideen wie OpenSource und Crowdsourcing, eine Forderung der Rückbesinnung auf traditionelle Macht- und Produktionsstrukturen.

In dieser Einschätzung offenbart sich digitales Denken in Schwarz-weiß- bzw. An-aus-Schemata: wer Kritik an einzelnen Aspekten oder sichtbaren Folgen übt, sei damit ein Gegner jeglicher Netzaktivität. Das ist natürlich Unfug.

Lanier zeigt die wirtschaftlichen und sozialen Folgen von Digitalisierung auf: er sieht eben nicht (nur) die böse Musikindustrie, die jahrzehntelang die Künstler knebelte, bis die heroische Schar der Tauschbörsennutzer sie vollkommen uneigennützig befreite, sondern auch die Arbeitsplätze der Mittelschicht (in den Plattenfirmen selbst, aber auch im Vertrieb), die mit zurückgehenden Umsätzen schwanden. Wie in der Musikindustrie geschehen, sieht Lanier auch einen Großteil der anderen Arbeitsplätze von Digitalisierung und Automatisierung bedroht.

Für Crowdsourcing beispielsweise nennt Lanier auch gelingende Beispiele, beispielsweise die Kampagne von Amanda Palmer, die per Kickstarter für neue Projekte statt der erbetenen 100.000 US$ fast 1,2 Millionen US$ sammeln konnte – er verdeutlicht aber auch, dass wir nicht alle Amanda Palmer sind und bereits weniger extrovertierte Künstler (noch mehr natürlich der normale Bürger) im Kampf um die Aufmerksamkeitsökonomie zwangsläufig untergehen müssten.1 1: Jürgen Geuter bekommt auf ein Blogpost hin immerhin 748 € zusammen. Das kann man beachtlich finden (ist es), allerdings ist Geuter – verglichen mit dem normalen Bürger – extrem gut vernetzt. Muss ich wirklich erwähnen, dass es Lanier gleichwohl nicht um die Restituierung »traditionelle[r] Macht- und Produktionsstrukturen« geht?

Geuter sieht in der Verleihung des Preises an Lanier eine lächerliche Lobbyverlautbarung:

Vor allem ist er [der Preis] das laute Betteln, alles möge doch bitte endlich wieder werden wie früher.

Dies kann nur für denjenigen lächerlich sein, der gerade nicht vom Verlust seines (ggf. erst potentiellen) Arbeitsplatzes bedroht ist. Ich wirke an der Ausbildung von Buchhändlerinnen und Buchhändlern mit und darf am Beruflichen Gymnasium Jahr für Jahr hoffnungsvolle junge Menschen mit Abitur in die Welt entlassen. Nein, mein Arbeitsplatz ist nicht bedroht. Ich möchte aber, dass meine Auszubildenden, meine Schülerinnen und Schüler auch eine Perspektive entwickeln können, wo ihr Platz in der Gesellschaft ist. Und nein, es können nicht alle davon leben, dass sie sich mit dem Gadget ihrer Wahl ins nächste Café setzen und von dort aus wahlweise für nichts als die Ehre coden, für nix schreiben und für umme was auch immer Kollaboratives tun: von irgend etwas müssen wir leben!2 2: Ein weiterer Aspekt, der für Lanier als Vater wichtig ist, ist immer die Frage, ob Geld in der Menge fließt, dass in Familien Kinder aufwachsen können. Als nur für sich verantwortlicher allein Lebender hat man natürlich andere Prioritäten.

Was Lanier bei der Entwicklung von Technik als wichtig herausstellt, ist der auch langfristige Nutzen für den Menschen. Den begreift er als gefährdet, wenn die Entwicklung des Netzes und der durch dieses geprägten Kultur fortgesetzt wird wie bisher. Statt beispielsweise die Tendenz fortzusetzen, immer weniger Menschen für ihre zunehmend ins Digitale verlagerten Dienste zu bezahlen, sieht er es als notwendig an, dass die immer wieder angeführten »siren servers«, die zentralen Firmen im Netz, ihre Nutzer für ihre Daten und Inhalte bezahlen. Beispiel: Amazon ist meine erste Anlaufstelle im Netz, wenn ich mich mal kurz über ein mit unbekanntes Buch informieren will. Ich informiere mich dabei mittels Rezensionen, die andere Nutzer unbezahlt Amazon zur Verfügung gestellt haben, aber auch über Empfehlungen, die aus Daten über das Kundenverhalten errechnet wurden. Warum bezahlt Amazon die nicht?

Lanier reaktiviert und aktualisiert damit den alten arbeiterbewegten und gewerkschaftlichen Gedanken, dass eine Leistung, mit der Firmen Geld verdienen, auch angemessen entlohnt werden muss, damit die Leistungserbringer davon leben können.3 3: Wer das Prinzip noch nicht begriffen hat und ermessen möchte, wie weit zurück die Kritiker sind, mag noch einmal Zolas Germinal aus dem Jahr 1885 lesen. Es geht darum, dass nicht nur die Bergwerksbesitzer, sondern auch die Bergarbeiter gut leben können. Ob und wie dies geschehen muss, darüber ist zu diskutieren; darin aber nur ein Beharren alten Strukturen zu erkennen, zeugt von mehr als nur Kurzsichtigkeit. Immer wieder bezeugt Lanier seine Schwierigkeiten mit monopolartigen Strukturen, die sich im Netz zur Zeit sehr deutlich herausbilden und dabei enorme finanzielle Werte anhäufen, deren Unterpfand aber Daten sind, die sie bei unbezahlten Nutzern sammeln (»Your lack of privacy is someone else’s wealth« (99)).

Ein anderer Gedanke: bei Kristian Köhntopp las man früher, als er noch eine eigene Website hatte und nicht nur einen Account bei einem der Siren Servers, das Wesen der IT sei die Kopie. Bei Lanier erfahren wir (im Ted-Nelson-Kapitel, 213 ff.) durch einen Blick in die Computerhistorie, dass diese Selbstverständlichkeit ebenso wie Eigenheiten von Tim Berners-Lees HTML konzeptionelle Entscheidungen waren. Heute aber erschweren sie uns zum Beispiel die direkte Rückmeldung an den urheberrechtlichen Schöpfer. Beispiel: wir erstellen (wie viele andere auch) ein Mashup aus im Netz verfügbaren Videos und Musik. Zwei Möglichkeiten ergeben sich nun: der Schöpfer der ursprünglichen Werke bekommt dafür nichts, weil die Schöpfungshöhe des neuen Werks so hoch und der konkret genutzte Anteil so klein ist – oder aber er kann einen Richter davon überzeugen, dass es sich im eine Urheberrechtsverletzung handelt, sodass wir als Mixer hohe Strafzahlungen leisten müssen. Günstiger wäre möglicherweise ein Rückmeldungssystem, das kleine Summen, Micropayments, in dem Moment leistet, in dem das fremde Werk genutzt wird.

Und so fort. Lanier lesen bedeutet auch, sich einem assoziativen, mäandernden Stil anzuvertrauen, in dem Ideen nicht immer stringent und vielleicht nicht mal immer konsistent entwickelt werden: wir sehen hier einem kreativen Menschen4 4: Lanier ist Musiker. Wer nicht mindestens ein Instrument spielt, ist für Kritik disqualifiziert. :-) beim Denken zu. Und das kann auch mal in die Irre führen. Der Fehler der Gegner Laniers ist, dass sie ihn für ähnlich geistig unbeweglich halten wie sie selbst es möglicherweise sind: Lanier bietet keine fertigen Lösungen an, sondern in einem Diskussionsbeitrag neue Konzepte für eine sich verändernde Welt, in der der Wert des Menschen aber eben nicht ab-, sondern zunehmen soll: »humanistic information economy« nennt Lanier dieses Ziel.

Jürgen Geuter, der oben angeführte Kritiker, begreift den Menschen als »Knoten im sozialen Netzwerk«, der letztlich nicht Herr über seine Daten sein könne und solle. Lanier denkt in den letzten Sätzen seines Buches darüber nach, welches Leben seine Tochter einmal führen wird, und er wünscht sich ein für sie ein lebendiges Dasein: »fun and wild, […] radically wonderful, and unendingly so« (349) Hier stehen gegeneinander ein mechanistisches, konformistisches Einordnen, das den als normativ verstandenen Forderungen der Technikökonomie entspricht, und der Wunsch, die Technik möge das Hippieleben eher noch ein wenig großartiger machen. – Meine Wahl ist klar.

Buch bei Amazon angucken: englischdeutsch.

Gelesen. Steiner.

George Steiner: Die Antigonen. Geschichte und Gegenwart eines Mythos. Übertragen von Martin Pfeiffer. Berlin: Suhrkamp, 2014.

Das Zeit-Interview anlässlich des fünfundachtzigsten Geburtstags des Befragten weckte mein Interesse, und da ich mit S gerade Zehs Corpus Delicti lese, in dem das Antigone-Motiv den Hintergrund für die Dystopie bildet,1 1: »Zehn Minuten Zeh« zur Einführung ins Thema gibt’s hier. hielt ich die Lektüre des oben genannten Buches für sinnvoll – tatsächlich hat es sich als sehr reichhaltig erwiesen.

Drei Kapitel hat das Werk:2 2: Die Kapitel sind unbenannt; auch die im Folgenden angeführten Abschnitte tragen keine Titel. Die inhaltlichen Schwerpunkte habe ich so gesehen, andere mögen andere erkennen. im ersten gibt Steiner einen Überblick über die Rezeptions- und Interpretationshistorie des Mythos (Abschnitte 2 und 3: Hegel, 4: Goethe, 5: Kierkegaard, 6 und 7: Hölderlin, 8: Synopse), im zweiten versucht er aus dem jeweiligen kulturellen Zusammenhang und den Schwerpunktsetzungen bei unterschiedlichen Bearbeitungen eine Erklärung für die Bedeutung des Mythos bis heute zu gewinnen (1: Entstehung des Mythos, 2: Historische Aktualität an Beispielen, 3: Stellung und Funktion Ismenes, 4: Haimon und Polyneikes in ihrer Relation zu Antigone, 5: Der Chor, 6 und 7: Kreon, 8: Synopse und Ausblick auf unberücksichtigte Varianten), im dritten schließlich offenbart Steiner die Verständnisschwierigkeiten, die der moderne Leser auch unter der Voraussetzung herausragender Altgriechischkenntnisse immer haben muss (1: Grundlegende Problematik des Übersetzens, 2: Der erste Vers, 3 bis 6: Andere Stellen, die unter Rückgriff auf Übersetzungsvarianten und Kontext diskutiert werden, 7 und 8: Erkenntnis des endgültigen Verlusts, 9: Synopsis und Würdigung).

Steiner zu lesen ist nicht immer unanstrengend, weil der Text dicht und anspielungsreich ist, aber man kann eben auch eine Menge lernen. Eigentlich mit Blick auf die Schule gelesen, habe ich mir ein paar Stellen notiert, zum Beispiel eine Aussage über die Tragödie, die vielleicht einmal problematisierend eingesetzt werden kann:

Weil sie flüchtige Momente in menschlicher Ungewißheit isoliert und aufführt, weil sie Verhalten bis zur Grenze der Katastrophe belastet – Katastrophe ist ja die letztendliche Logik des Handelns –, hat die Tragödie in besonderer Weise philosophischen »Gebrauch« angeregt. Der utilitaristische Impuls ist schon in Aristoteles’ Poetik offenkundig. Die Tragödie dient dazu, beständig wiederkehrende metaphysisch-ethisch-psychologische Betrachtungen über das Wesen des freien Willens, über die Existenz anderer Geister und Personen und über die Konventionen im Hinblick auf Vertrag und Übertretung zwischen dem Individuum und transzendenten oder gesellschaftlichen Sanktionen zu verkörpern, zu sichtbarer Gegenwärtigkeit anzutreiben. (Ebd., 130)

In diesem kleinen Textausschnitt steckt eine Menge an diskutierenswerten Ansätzen, die am jeweils behandelten dramatischen Text probiert werden können. (Worin besteht (im Hinblick auf Tragödie X) der »flüchtige Moment«, worin die »Ungewißheit«; wieso ist die »Katastrophe […] die letztendliche Logik des Handelns«? Ist die Tragödie tatsächlich durch ihre (tatsächliche?) Nützlichkeit in ihrem Wesen erfasst? Worin besteht jeweils das Metaphysische, das Ethische, das Psychologische? Und so fort. – Das ist so voller problematisierendem Futter, dass der Lehrer, der gerade unterrichtsfreie Zeit hat, schier bersten könnte!)

An anderer Stelle zieht Steiner Döblins Roman November 1918 heran, den ich peinlicherweise nicht zu kennen zugeben muss. Er zitiert eine Stelle, an der eine Lehrkraft Antigone, die doch immer als Revolutionärin verstanden wird, umdeutet als wahrhaft Konservative, während Kreon den Part des Umstürzlers zugewiesen bekommt:

Ja, er in seinem in der Tat tyrannischem Willen, in seinem Stolz, Sieger und endlich König zu sein, er glaubt, sich über geheiligte Traditionen, über uralte Selbstverständlichkeiten hinwegsetzen zu können.« (Döblin nach Steiner 233f.)

– Fantastisch! Das ist eben nicht nur eine beliebige Umdeutung, sondern eine, über die man ja durchaus streiten darf und sollte (und die Anwendbarkeit auf heutige Zeiten, in denen Bürger irritiert bemerken, dass sich Geheimdienste und Regierungen einen Dreck scheren um den zivilen Konsens rechtlichen Handelns, der mit dem Grundgesetz und den Entscheidungen des Verfassungsgerichts in langen Jahren erarbeitet wurde, ist noch eine weitere interessante Nuance: hier wird eben auch sichtbar das Beiseitewischen einer von den Bürgern geschätzten Tradition rechtsstaatlichen Handelns).

(Wir sollten vielleicht einmal Stellen in der Literatur sammeln, in denen einzelne L (anders als gemeinhin im Schulroman, in dem die S ja im Regelfall unterm System zu leiden haben) positiv mit Literatur arbeiten – die Johnsonsche Jahrestage-Stelle, in der Fontane gelesen wird, ist ja auch ein Beispiel.)

Das Übersetzungs- bzw. Übertragungsproblem wird immer wieder thematisiert: aus einer fremden Sprache, aus einer alten fremden Sprache, die nicht mehr gesprochen wird, zu übersetzen, wird im Grunde als kaum möglich angesehen:

Das Leben der Anklänge, die unentbehrliche Kurzschrift des Unausgesprochenen und des Selbstverständlichen, die Codes von Intonation, von Hervorhebung oder Untertreibung im Tonfall wie sie im Verkehr zwischen sozialen Klassen, Altersgruppen oder Geschlechtern eine Rolle spielen – alles, was in einer lebenden gesprochenen Sprache einzelne Worte und Wendungen mit genauen oder diffusen Werten umgibt, ist für den Wissenschaftler nahezu ebenso verloren wie für den Laien. (253)

Das hindert Steiner allerdings nicht daran, auf den folgenden elf Seiten die erste Zeile der Antigone – Erste Zeile der Antigone des Sophokles– übersetzend auszudeuten; er bemerkt dabei selbst: »latent sind solche Kommentare endlos« (266). Dem Leser zeigen diese elf Seiten allerdings, was er an Vorentscheidungen in Kauf nimmt, wenn er nicht das Original zu Hand nimmt.

Die Bedeutung der Antigone sieht Steiner unter anderem darin, dass in dem Drama »alle Hauptkonstanten des Konflikts in der menschlichen Existenz« (287) ausgedrückt werden, die als »nicht überbrückbar« (ebd.) verstanden werden:

[…] die Konfrontation zwischen Männern und Frauen; zwischen Alter und Jugend; zwischen Gesellschaft und dem Individuum; zwischen den Lebenden und den Toten; zwischen Menschen und Gott/Göttern. (Ebd.)

Auch hier die Fragen: sind diese Hauptkonstanten die richtigen? Wieso diese und nicht andere, warum nicht mehr oder weniger? Wie sieht es mit der Unüberbrückbarkeit aus? (Vor allem im Hinblick auf das vorher postulierte nützliche Ziel der Tragödie: was hilft es mir als Rezipient zu erkennen, dass Antigone und Kreon sich fetzen, weil sie Mann und Frau sind, wenn dieser Gegensatz als unüberbrückbar und der Konflikt damit als nicht anders lösbar als mit dem Tod möglichst vieler Figuren gezeigt wird?)

Bei alledem, was Steiner gelehrt vor uns ausbreitet, geht er übrigens ganz selbstverständlich davon aus, dass »kein Leser des 20. Jahrhunderts völlig unvorbereitet auf die Antigone des Sophokles stößt« (368). Das stimmt natürlich nicht: unsere S kennen die Mythen der Sternen- und Ringkriege und wissen, welcher Seite der Macht sie zuneigen – Antigone allerdings dürfte bis zur Initialbegegnung in der Schule an ihnen vorbeigegangen sein.

Übrigens sei – in Anbetracht des von ihm zu Lernenden ja durchaus erstaunlich – erwähnt, dass Steiner selbst in Demut verharrt: nach 370 Seiten kenntnis- und beziehungsreichen Schreibens über Literatur (das ja wiederum Jahrzehnte des Lesens und Forschens auf den Punkt bringt), kommt er für sich zum Ergebnis:

Mein Verständnis von Antigone ist provisorisch. (370)

Na dann.

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Auseinandersetzung um Lehrkräfteausbildung in Schleswig-Holstein.

Unsere Ministerin für Bildung und Wissenschaft hat einen Entwurf eines Lehrkräftebildungsgesetzes Schleswig-Holstein (LehrBG) vorgelegt.

Unser Landesverband Schleswig-Holstein/Hamburg des Fachverbands Deutsch im Deutschen Germanistenverband hat dazu eine klare Einstellung: Deutschlehrer fordern differenzierte Lehrerausbildung – der Germanistenverband wendet sich gegen das Einheitslehrer-Konzept der schleswig-holsteinischen Landesregierung.

Erörterungen im Deutschunterricht (und im Abitur).

Zu Thomas Raus Artikel Mit dem Erörtern werde ich nicht richtig warm schrieb ich in etwa:

Gehe mir Deiner Haltung zum Thema völlig d’accord. Im Zentralabitur hatten wir als Lehrkräfte die zwei Alternativthemen auszuwählen, zwischen denen die S ihrerseits wählen durften. Das moderne-Medien-Essaythema (genauer: Fernsehen vs. YouTube) haben wir sofort ausgeschlossen, dafür u. a. das Goethes Faust betreffende ausgewählt. Zwar scheint zunächst einmal Faust schwieriger als der modernde-Medien-Kram, doch bei Faust wissen wir unsere S durch Wissen und Verständnis gewappnet: das Thema ist vorbereitet, sie haben gelernt und sie sollten Gutes schreiben können. Zu YouTube vs. Fernsehen, aus dem hohlen Bauch behandelt, wird es schwierig für die S, wirklich Sinnvolles zu schreiben, das über eigene Befindlichkeiten hinausgeht …

Virtuelles Museum der deutsch-dänischen Grenzregion.

Nach Renovierung neu eröffnet wurde das Virtuelle Museum der deutsch-dänischen Grenzregion, das nach Zielgruppen (z. B. Touristen, Schülerinnen und Lehrkräfte) und thematisch geordnet (z. B. Gesellschaft oder Kultur) den Zugriff auf informierende Texte und digitalisierte historische Zeugnisse eines früher zwischen Dänemark und Deutschland umkämpften Landstrichs erlaubt.

Das Ganze gibt’s natürlich auch auf Dänisch.