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Was ist eine berufliche Schule?

Anlässlich mir gerade wieder zu Ohren gekommener Missverständnisse stelle ich fest, dass offenbar gerade unter Kolleginnen und Kollegen am Gymnasium unzutreffende Vorstellungen existieren, was denn nun so eine Berufliche Schule sei. Das ist verständlich, weil Gymnasiallehrer, die sich nicht unterwegs mal verirren, im Regelfall nur Gymnasium und Universität kennen lernen. So ähnlich ging es mir auch: als nach meiner Ausbildung zum Gymnasiallehrer keine Stellen mit meiner Fächerkombination frei waren, bewarb ich mich an meiner jetzigen (beruflichen) Schule, kannte das System aber gar nicht. Als ich dann eingestellt wurde, brauchte ich so einige Zeit, bis ich die Strukturen überblicken konnte.

Ich möchte daher hier kurz einmal vorstellen, wie eine solche Schule aufgebaut sein kann, und ich werde immer wieder auf unsere Schule zurückgreifen (und auf diese verlinken, stelle aber ausdrücklich fest, dass dieser Artikel keine offizielle Information darstellt!): zum einen, weil ich sie am besten kenne, vor allem aber, weil sie als Schule im ländlichen Raum nicht so stark spezialisiert ist wie so manche großstädtische Schule und daher vielgestaltiger ist als diese.

Unsere Schule beispielsweise versammelt unter ihrem organisatorischen Dach in vier Schulgebäuden (ein Hauptstandort und drei Außenstellen (500 m, 6 bzw. 35 km entfernt)):

  • die eigentliche Berufsschule für gewerbliche oder kaufmännische Berufe (verpflichtender Unterricht, den die Auszubildenden während ihrer dualen Berufsausbildung besuchen – entweder an ein bis zwei Berufsschultagen pro Woche oder aber im Blockunterricht für 5 oder 6 Wochen pro Schulhalbjahr)

  • berufsvorbereitenden Unterricht (z. B. für schulpflichtige S, die bislang noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben (Ausbildungsvorbereitendes Jahr) und für S, die das erste Ausbildungsjahr ganz in der Schule verbringen (Berufsgrundbildungsjahr))

  • Berufsfachschule Typ I (ein- bzw. zweijährige fachbezogene Schulbildung für S mit Hauptschulabschluss, die zum Mittleren Schulabschluss führen kann)

  • Berufsfachschule Typ III (zu Berufsabschlüssen führende fachlich ausgerichtete schulische Bildungsgänge, deren Voraussetzung entweder der Hauptschul- oder der Realschulabschluss ist)

  • Fachoberschule (Klasse 12) (führt für S mit besonderen Eingangsvoraussetzungen zur Fachhochschulreife)

  • Berufliches Gymnasium (führt die S, die eine Sekundarstufe I absolviert haben, zum Abitur, also zur Allgemeinen Hochschulreife)

  • die Berufsoberschule (13. Klasse) führt zu einer fachgebundenen, unter bestimmten Bedingungen auch zur allgemeinen Hochschulreife

Daneben existieren noch kleinere Bildungsgänge, zum Beispiel Abendunterricht für Auszubildende, die sich während ihrer Ausbildungszeit die Fachhochschulreife erarbeiten.

Die Lehrkräfte unterrichten nie in allen Schularten, sondern stets nur in zweien oder dreien – beispielsweise arbeite ich seit einigen Jahren mit einem Schwerpunkt auf meinen Fächern Deutsch und Philosophie am Beruflichen Gymnasium (das ist ausschließlich Sekundarstufe II, also Oberstufe), aber weiteren Stunden im Berufsschulunterricht, vor allem für Buchhändler an der Landesberufsschule (Blockunterricht für alle Buchhandelsauszubildenden Schleswig-Holsteins).

Der größte Teil der Lehrkräfte an berufsbildenden Schulen hat einschlägige berufliche Vorbildung, also im Regelfall mindestens eine Ausbildung absolviert, deshalb sind unsere Referendarinnen und Referendare meist auch ein paar Jahre älter als die an allgemeinbildenden Schulen. Daneben gibt es so einige Seiteneinsteiger, die ursprünglich beispielsweise aus technischen oder naturwissenschaftlichen Studiengängen stammen und danach häufiger mehrere Jahre in der sogenannten freien Wirtschaft arbeiteten. Gerade am Beruflichen Gymnasium ist der Anteil der Lehrkräfte, die ursprünglich für das Lehramt am Gymnasium studierten, sehr hoch.

Habt Ihr noch Fragen?

Zur Buchmesse nach Leipzig.

Vom 12.–14. März habe ich eine Fahrt einer Berufsschulklasse von Buchhandelsauszubildenden und eine Kollegin nach Leipzig zu einem Besuch der Buchmesse begleiten dürfen. Mit dem Quer-durchs-Land-Ticket haben wir beim Blick aus dem Zug nach draußen interessante stille Gegenden Deutschlands kennengelernt – zum Beispiel Bahnstationen, die fast den Ort drumherum missen ließen (dessen Zentrum aus einer Bratwurstbude zu bestehen schien) –, sind aber auch konkurrenzlos billig nach Leipzig gelangt.

Das Stern-Hotel garni war nicht luxuriös, aber sauber und ordentlich, das Personal freundlich, das Frühstücksbüffet reichhaltig, ist für den kleinen Geldbeutel also durchaus weiterzuempfehlen – wenn wir fürs nächste Mal auch eher eine der Messe näher gelegene Unterkunft suchen werden, weil wir diesmal zu Fuß und mit der Tram über eine Stunde unterwegs waren.

Was mich sehr beeindruckt hat: wie präsent die Messe in der ganzen Stadt ist. Damit meine ich nicht nur die Veranstaltungen allerorten – eben Leipzig liest –, sondern dass man überall in der Stadt Gespräche über die Messe hört, Plakate und Ankündigungen, Hinweisschilder und Trambeschilderungen mit Messehinweisen sieht, Menschen als Messebesucher identifizieren kann (viele Taschen, Cosplayer, schicker Anzug, Vertretertrolley o. ä. als Accessoires) und so fort. Durchaus bewundernswert dabei der Umgang der Leipziger Verkehrsbetriebe mit dem Besucherandrang durch Bereitstellung vieler zusätzlicher Tramwagen (auf eine reguläre Bahn kamen zwei bis drei Extrazüge) und Präsenz von Ordnungspersonal (auch des Lesens Kundige verlieren angesichts knapper Ressourcen ja gern mal die Contenance und würfen zivilisatorische Errungenschaften über Bord, wenn es um den Sitzplatz geht).

Besonders schön auf der Messe selbst: gefühlt sämtliche Schulklassen (ab etwa der fünften aufwärts) der leipziger Schulen sind vor Ort und wuseln durch die Gänge und zwischen den Ständen hindurch, teilweise mit Aufgaben (den Rallyebogen immer vor sich auf dem Klemmbrett), teilweise ohne – dies tut der Atmosphäre einer Buchmesse, die ich von Frankfurt her als ernst und eher zu steif in Erinnerung habe, sichtlich gut. Ebenso wie die Cosplayer, die von Mangafiguren und Doctor Who über Disneyadaptionen, grimmige Zwerge wie Anime-Charaktere und Superhelden alles nur Vorstellbare verkörpern, was aus Nicht-Literatur so bekannt ist; sie haben diesmal eine ganze Halle für sich bekommen (die Graphic-Novel-Verlage finden sich lieber zwischen den etablierten Belletristen, zu zerbrechlich noch die frisch erworbene Würde des Ernstgenommenwerdens von Feuilleton und Publikum).

Viele Kleinveranstaltungen – Lesungen, Podiumsdiskussionen, Preisverleihungen – inmitten der großen, immer wieder laufen einem aus Funk und Fernsehen Bekannte – Roger Willemsen, Martin Suter, Axel Hacke (der gerade, als wir vorübergingen, eine extrem dümmliche Bemerkung über Frauen und Abseitsregeln von sich gab, die eines Mario Barth würdig gewesen wäre), Ulrich Greiner, Dennis Scheck, Thomas Meyer, John von Düffel, Lukas Bärfuss, Jonas Lüscher usw. – über den Weg, stören aber nicht weiter, weil man sich auch ganz & gar nur den Büchern widmen darf. Die Auszubildenden natürlich stets auf der Suche nach Leseexemplaren (meist unkorrigierte Vorabexemplare, häufig in einfacherer Ausstattung und für Buchhändler vor dem eigentlichen Erscheinungstermin kostenlos abgegeben, auf dass diese sich trotz ihres niedrigen Gehaltes einen umfassenden Überblick über Neuerscheinungen verschaffen können), aber auch sonstigem Informationsmaterial der Verlage, gerade auch derjenigen, die man im Alltagsgeschäft zu wenig sieht.

Die in den Kommentaren schon erwähnte Begegnung mit Tanja, einer übers Netz schon lange bekannten Kollegin aus dem Gastland Schweiz, war natürlich besonders klasse.

Ebenso besonders auf den gesamten drei Tagen unserer Fahrt: die Auszubildenden, die zu begleiten eine Freude ist, weil jede Verabredung eingehalten wird, die Motivation hoch ist, die von einem anstrengenden Tag auf der Buchmesse völlig platt zurückkehren und trotzdem zuverlässig, fröhlich, sozial miteinander sind … danke!

Laufen kann man in Leipzig übrigens auch (Karte – beim nächsten Mal werde ich die Strecke ein wenig mehr grünbetont wählen; ich habe bei unbeschilderten Wegen meines nicht vorhandenen Orientierungssinnes nur immer die Befürchtung, mich zu verirren; auf Straßen hilft mir immerhin mein Stadtplan).

Auf dem Weg zum Bahnhof auf dem Abreisetag noch entdeckt: zum einen den Markt, auf dem man sich mit Käsebrötchen und Bananen für die Rückfahrt versorgen kann, fachbezogen aber viel wichtiger: die Connewitzer Verlagsbuchhandlung in Specks Hof, einer Passage in der Innenstadt. Eine feine Buchhandlung vom alten Schlag, die zeigt, was am Buchhandel wichtig bleibt, wenn die Jungs aus dem BWL-Seminar die großen Filialisten kaputtberaten haben werden.

LyX oder LaTeX?

Zu Thomas Raus Bericht über das Arbeiten mit LyX schrieb ich in etwa:

Die Einfachheit von LyX ist eben tatsächlich nur vermeintlich. Ich habe auch damit rumprobiert, mich letztlich aber doch in (La)TeX eingearbeitet, weil mir LyX eher die Nach- als die Vorteile von Textverarbeitung und Textsatzsystem zu vereinen schien. Das Komplizierte an TeX ist in erster Linie die Installation und das Erstellen des ersten Dokuments; wenn das klappt, kann man sich den Rest (ggf. mit der Hilfe von Newsgroups und Foren) peu à peu selbst beibringen.

Für den Schülerbedarf im Computerraum bräuchte man also eine funktionierende LaTeX- Installation und ein Musterdokument, mit dem man gleich losarbeiten kann.

Meine Vorlage (die natürlich für den angedachten Zweck nicht geeignet ist) habe ich hier untergebracht (müsste auch mal wieder aktualisiert werden …).

Notengespräche (und die Folgen).

Geht es auf die Zeugniskonferenzen zu, sitzen bei uns überall Lehrkräfte auf den Fluren und bitten nacheinander die Schülerinnen und Schüler (S) aus dem Klassenraum zu sich, um mit ihnen einzeln die mündlichen (und in der Folge die Zeugnis-) Noten zu besprechen (die schriftlichen Noten sind ja ohnehin bekannt). Trotz der freundlichen Vokabel »besprechen« entscheidet über die Note natürlich die Lehrkraft, und trotzdem habe ich heute wieder bemerkt, dass diese Gespräche eine wichtige, im Tagesgeschäft viel zu selten genutzte Form der Rückmeldung sind.

In meinen Deutschkursen habe ich mir in diesem Halbjahr zu fast jeder Stunde aufgeschrieben, wie ich die S erlebt habe (in Philosophie seltener). Die Zeichen ++, +, o und - stehen dabei für hervorragende, gute, pflichtgemäße oder fehlende Unterrichtsbeiträge. Zuhause habe ich die Notengespräche vorbereitet, indem ich die Notate ausgewertet und in meine Vorstellung der mündlichen Note gewandelt habe.

Das Gespräch selbst läuft bei fast jedem Schüler, bei fast jeder Schülerin gleich ab: ich frage nach der Eigenbewertung und erkläre danach meine Sicht der Dinge. In fast allen Fällen geht das überein; selten gibt es für die S schlechte Überraschungen (die ich dank der Stundennotate belegen kann), häufiger gute (sei es die Bestätigung der eigenen Einschätzung, sei es ein Notenpunkt mehr als gedacht). Natürlich tauschen wir uns auch über andere, meist durch persönliche Lebensumstände beeinflusste Aspekte des Leistungsstandes aus. Die ausgesprochene Versicherung meinerseits, dass ich an die Möglichkeit der (weiteren) Verbesserung glaube, ist trotz ihrer Häufigkeit keine Floskel.

Das für mich Interessante passiert nach diesen Gesprächen: in der unmittelbar auf den Austausch folgenden Stunde ist die Beteiligung am Unterrichtsgeschehen außergewöhnlich gut. Da die S wissen, dass sich an den zuvor besprochenen Noten nichts mehr ändert, führe ich die Verhaltensänderung auf die Bewusstwerdung des Tuns zurück: die S bemerken, dass ich sie bemerke, und sie wollen wahrgenommen werden, sie wollen ihren besonderen Teil zum Ganzen beitragen, einerseits, um den positiven Eindruck zu festigen oder aber ein verbesserungsfähiges Bild zu korrigieren (nach dem Spiel ist …), andererseits, weil auch in Bezug auf die inhaltliche Arbeit deutlich wurde, dass die Unterrichtsbeiträge von Belang sind. Offenbar bedeutet ihnen die Rückmeldung in den Gesprächen etwas. Mich freut das.

Erinnerung an mich fürs nächste Halbjahr: häufiger mit den S über Stundeneindrücke sprechen.

Gelesen. Ortkemper.

Hubert Ortkemper: Medea in Athen. Die Uraufführung und ihre Zuschauer. Frankfurt am Main: Insel, 2001.

Dass das vor zwei Wochen in der Buchhandlung bestellte Werk, obschon bereits 2001 aufgelegt, noch immer in der (sicher nicht üppig bemessenen) ersten Auflage erhältlich ist, zeigt, wie groß das Interesse ist …

Da ich gerade in meinem Deutschkurs Christa Wolfs Medea. Stimmen unterrichte, lese ich mich mal wieder ein wenig in die Umgebung ein. Natürlich sollen die S des Kurses mit erhöhtem Anforderungsniveau auch die Medea des Euripides lesen, und dessen Uraufführung im Jahr 431 (vor unserer Zeitrechnung) wählt Ortkemper zum Ausgangspunkt für eine Untersuchung athenischen Lebens der Zeit. Fast nebenbei liefert er eine gut lesbare Übersetzung der Medea, die immer wieder unterbrochen wird von kurzen Kapiteln über einen (meist im Text erwähnten) Aspekt des damaligen Alltagslebens und eine damit verbundene historische Person – einen der Zuschauer der erwähnten Premiere.

Kapiteltitel lauten dann zum Beispiel »Perikles oder Die Politik«, »Alkibiades oder Die Jugend«, »Herodot und Thukydides oder Die Geschichte« und so fort. Neben der Einfühlung in die Stimmung und Lebensweise sowie der Lieferung historisch belegter Fakten trägt Ortkemper durch kenntnisreiche Auswahl von Anekdoten und Ausschnitten aus literarischen und philosophischen Werken der griechischen Antike zur Verdeutlichung des Bildes bei.

Kein »spannendes«, kein Buch, das man nicht auch mal weglegen könnte, keines, das einen vom Nachtschlaf abhielte. Aber eines, das ganz unspektakulär viel, viel Wissen ausbreitet für den, der lernen möchte.

Buch bei Amazon angucken.

Realismus ff. und Realität, virtuelle.

Der Artikel erschien in etwas anderer Gestalt und mit geringen Unterschieden zunächst im (natürlich wieder geTeXten) Rundbrief 45 (2013) des Fachverbandes Deutsch im Deutschen Germanistenverband, Landesverband Schleswig-Holstein / Hamburg. Er beschreibt ein Unterrichtsvorhaben im Deutschkurs (erhöhtes Anforderungsprofil [für die Allgemeinbildner: das entspricht vom Stundenumfang her den früheren Leistungskursen (fünf Wochenstunden)]) des 12. Jahrgangs eines Beruflichen Gymnasiums, in dem europäische Literatur zwischen Mitte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts rezipiert und mithilfe digitaler Medien bearbeitet und präsentiert wird. Den zugehörigen Aufgabenbogen für die S, der das Vorhaben skizziert, findest du hier.

Epoche im europäischen Kontext

Eingebettet in den Lehrplan-Kernbereich »Wirklichkeit im Kontext von Sprache, Literatur und Medien – Individuum im Spannungsfeld zwischen Ideal und Wirklichkeit« kann der L die Besonderheiten des poetischen Realismus der deutschsprachigen Literatur im Gegensatz zur Praxis des Realismus in anderen Ländern Europas behaupten oder aber die S erfahren lassen. Letzteres sollte in unserem Unterrichtsvorhaben erreicht werden, indem jede(r) S zusätzlich zum obligatorischen Text (in unserem Fall Fontanes Effi Briest) in unterrichtlicher und häuslicher differenzierter Gruppenarbeit ein im Original nicht deutschsprachiges Werk der Zeit liest, bevor es anschließend gemeinsam mit zwei bis drei anderen S bearbeitet und dem Kurs in einer Doppelstunde vorgestellt wird.

Dass der Blick dabei über den Tellerrand des Deutschunterrichts (DU) hinausgeht, ist sinnvoll, weil auf diese Weise Inselwissen stärker konzeptualisiert wird, was den S das Erkennen von Zusammenhängen, aber auch Unterschieden erst ermöglicht. Es geht mithin nicht nur um die Inhalte (»Was muss ich über Charlotte Brontës Jane Eyre wissen?«), sondern um das Entstehen gedanklicher Strukturen (Begrifflichkeit angelehnt an Jean-Pol Martins »Lernen durch Lehren« z. B. hier), die ansonsten allenfalls Mäeutik missverstehend in die S hineinzufragen sind (Gegeneinanderstellen verschiedener Frauenfiguren, Realismuskonzepte, Erzählweisen etc.).

Lebensweltlich-technischer Hintergrund

Befragt nach dem Ursprung der in Effi Briest erzählten Geschichte schrieb Theodor Fontane 1896 in einem Brief an Friedrich Spielhagen, der ebenfalls 1896 einen Roman – Zum Zeitvertreib – über die Ardenne-Affäre veröffentlicht hatte, eine Freundin habe ihm gegenüber vom Scheitern der Ehe von Baron Ardenne gesprochen, ohne dass der Name jedoch genannt worden sei. Fontane fährt fort:

»Übrigens sagte mir Geh. Rat Adler (der Architekt), Gott, das ist ja die Geschichte von dem A. Er hatte es doch herausgetwittert. [Hier nach Wöhrle, Dieter: »Entstehungs- und Textgeschichte«. In: Effi Briest. Frankfurt am Main und Leipzig : Suhrkamp Taschenbuch, 2004 (SBB 47); Hervorhebung von mir.]«

In diesem letzten Wort findet sich durch den heute sofort konnotierten Kurznachrichtendienst eine mögliche Rechtfertigung für die Unterrichtsplanung »Europäische Wirklichkeiten des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts im Spiegel digitaler Medienvielfalt«.

Weiter sind natürlich die Bedingungen und Notwendigkeiten des heute durch digitale Medien geprägten Arbeitens nach wie vor dieselben wie ich sie schon in Rundbrief 42 angedeutet hatte und wie sie anderenorts noch ausführlicher nachzulesen sind (siehe hierzu zum Beispiel Deutschunterricht, Heft 3/2013 (Juni)).

Eine weitere Rechtfertigung findet sich im Lehrplan – eine Veröffentlichung, deren Lektüre angesichts der vielen darin beschriebenen Unterrichtsmöglichkeiten gern empfohlen wird: zu sehr lassen wir uns zuweilen gängeln von engen Korridoren ...: an thematischen Schwerpunkten sind benannt beispielsweise »mediale Auftritte von Literatur« sowie die »Auseinandersetzung mit Print- und digitalen Medien«. (Der Lehrplan für allgemeinbildende Gymnasien fordert ebenfalls Beiträge des Faches Deutsch zum »informationstechnologischen Bereich«, die inhaltliche Anbindung gelingt ebenfalls leicht.) Schulische Wirklichkeit bringt allerdings mit sich, dass Computerräume meist durch Informatikkurse belegt sind; DU sich also nicht auf die Verfügbarkeit von Computern und Netzzugang in der Schule verlassen darf. Die Arbeit im Netz muss also mindestens teilweise als Hausaufgabe organisiert werden, was im Falle eines ländlich geprägten kreisweiten Einzugsbereiches neben den Vorteilen schlicht auch die Notwendigkeit des kollaborativen Arbeitens über das Netz verdeutlicht: wenn S 15 km voneinander entfernt wohnen, muss also auf gemeinsamen virtuellen Plattformen gearbeitet werden.

Um den S eine Vorstellung von den Möglichkeiten des Arbeitens zu geben, sind im schuleigenen Wiki die wichtigsten Netzwerkzeuge verlinkt.

Aufgabe

Das ausgewählte Werk soll für die MitS vielfältig erschlossen werden; die Aufgaben hierzu finden sich ebenfalls auf dem AB. Die in den Aufgaben angedeuteten Inhalte sollen in einer Doppelstunde überzeugend präsentiert werden: die S gestalten gemeinsam eine medial vielfältig unterstützte Lernsituation für ihre MitS.

Ergebnisse

Die Ergebnisse unterschieden sich qualitativ natürlich fast ebenso wie eine beliebige Klausur, allerdings entstehen durch die unterschiedlichen Zugangsarten ähnlich wie bei allen offeneren und kreativen Verfahren durchaus außergewöhnliche Produkte, die zudem zum überwiegenden Teil überzeugend präsentiert werden.

Von den S wird der Wechsel der Rolle von Lernenden zu Lehrenden als positiv herausfordernd empfunden – »eine Doppelstunde gestalten« wird von den S anders begriffen als »ein Referat halten« –, ebenso wie die weitgehend selbstgesteuerte Erarbeitung des Buches.

Für die Lehrkraft ergeben sich Möglichkeiten der spezifischen Unterstützung von Gruppen bzw. einzelnen S nach Bedarf. Auch der Ersatz einer Klausur durch die komplexe Lern- und Lehrleistung, die die S erbringen, ist möglich.

Zu den erarbeiteten und vorgestellten Inhalten und Diskussionsgrundlagen gehörten beispielsweise

  • grafisch aufbereitete Figurenkonstellationen und Handlungsverläufe (mit XMind erstellt, wie viele der folgenden Zugänge per Wiki publiziert),
  • grafisch aufbereitete Figurenwandlungen im Handlungsverlauf,
  • grafische Darstellung räumlicher Lebenswege (per Google Maps),
  • differenzierte Auseinandersetzungen um die Frage, was an einem Text realistisch, was naturalistisch sei,
  • Inhaltsangaben in Comicform per Onlinetool,
  • ein tagebuchartiges Blog aus der Sicht der Protagonistin als Äquivalent einer Inhaltsangabe,
  • tabellarische charakterisierende Gegenüberstellungen von Figuren (Jane Eyre vs. Effi Briest),
  • ein Trailer zu einem (nicht existierenden) Spielfilm zu Niels Lyhne,
  • Texte zum Roman des 19. Jahrhunderts, zu Frauen als Autorinnen, zum Schauerroman, zu den Autorinnen und Autoren
  • und vieles mehr.

All dies wird jeweils mit doppelt geweitetem Blick erfasst: zum einen wird die deutschsprachige Literatur als eingebettet in einen europäischen Rahmen begriffen, zum anderen bedeutet die zielgerichtete Arbeit mit den Werkzeugen des Web 2.0 einen Kompetenzzuwachs im Umgang mit dem Schülerinnen und Schülern abseits von Facebook-Chat und Youtube-Videokonsum nach wie vor fremden Teil des Netzes.

Doctorows »Little Brother« und die Schule

Herrn Raus Artikel »Cory Doctorow, Little Brother« kommentierte ich

»Ist 8 zu früh?« – Ich befürchte das, ja. Kind 2 (just 8. Klasse) liest es hier zuhause gerade (und ist angetan), aber ich habe schon vorher überlegt, ob’s die richtige Lektüre ist. Nicht so sehr wegen der oben genannten Bedenken, sondern eher wegen der Darstellungen staatlicher Gewalt (bis hin zum Waterboarding), die, wie wir wissen, nicht unrealistisch sind, als verbindliche Lektüre aber zu Problemen führen können. Die anderen Schwächen des Buches halte ich des aufklärerischen Impetus wegen – denn der steht im Vordergrund und nicht das Literatur schaffen Wollen – für verzeihlich.

Nicht-viel-Leser unter den S werden aber vermutlich eher überfordert sein, und da hilft es vermutlich auch wenig, dass die meist weniger lesenden Jungs durch Technikbeschreibungen geködert werden.

Vielleicht nicht als Klassenlektüre, sondern als eines von mehreren Büchern zur Auswahl in Gruppen zu lesen und zu präsentieren (o. ä.)?

Dienstherr und Lehrkraft …

Zu Tom Jorks Artikel Von Wut und Protest und Demotivation kommentierte ich in etwa:

Du schriebst: »Das Schul-”Leben” käme zum erliegen, wenn Lehrer nur noch “Dienst nach Vorschrift” täten. Und genau diese Konsequenz muss allen klar gemacht werden, die mit ihrer Politik jede Motivation und Identifikation mit dem Schulbetrieb zu ersticken versuchen, indem sie demotivieren.« –

Das haben wir uns auch gedacht, als in Schleswig-Holstein Ende der 90er Jahre (ich war gerade im Referendariat und betrachtete das Ganze daher eher noch von außen) ein “KLAUS” genanntes Maßnahmenpaket, das die Lehrkräfte als nachteilig empfanden, ins Werk gesetzt wurde, und beschlossen, keine Sonderleistungen mehr zu erbringen.

Was wir allerdings gemerkt haben: dass Schule auch den Lehrkräften nur Freude bereitet, wenn sie mehr tun als sie müssen. Der Beschluss der Lehrerkonferenz, nurmehr Dienst (nach Vorschrift) zu tun und sich nicht mehr zu verausgaben, wurde daher in der Praxis von eben den Lehrkräften, die ihn, wenn ich mich recht erinnere, mit großer Mehrheit gefasst hatten, ignoriert.

Die Ministerien wissen und verlassen sich darauf, dass Lehrkräfte immer mehr tun werden als sie müssen. Wir sind eben stets nur Revoluzzer.

Gelesen. Handke.

Peter Handke: Der kurze Brief zum langen Abschied. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch, 1974.

Einen wahrlich guten Text Handkes las ich in meiner Schulzeit einmal, denn dieses Buch stand in der Bücherei, die ich meist mehrmals wöchentlich aufsuchte; ganz kurz war er, eine »Prüfungsfrage« für ein juristisches Examen imaginierend, und es lohnt sich für dich, nach ihm zu suchen, denn er steht für Einiges, was Literatur ausmacht und was ich in fast allen späteren und anderen Texten Handkes, die ich las, vermisste, obwohl andere Qualitäten nicht abzustreiten waren.

Hier: Re-Lektüre wegen eines der Erwähnung des Titels in der Beschreibung eines Bildes, das ich für eine Folie brauche, die die Buchhändler zur Unterfütterung warenkundlichen Wissens im Bereich Kunst zu sehen bekommen werden …

Wieder über Wasser.

So, die Klausuren sind durch, morgen folgen die Zensurenkonferenzen und allmählich eröffnen sich wieder Möglichkeiten der Weltwahrnehmung. Nur noch drei kleinere Klassenarbeitsstapel am Wochenende, dann können die auch (verdammt notwendigen) Sommerferien kommen …

Mal wieder: Klassengrößen.

Zu Hokeys lesenswertem Artikel Die Klassengröße: Der Output ist’s, was zählt schrieb ich:

Danke für die ausführliche Gegendarstellung (zu der ich schon gar keine Lust mehr hatte), die ich so unterschreibe.

Auch wird in solchen Artikeln gern davon ausgegangen, dass Aussagen der Lehrkräfte unerheblich seien. Das Faktum, dass das Unterrichten in einer kleineren Klasse für Lehrkräfte meist angenehmer ist (mehr Zeit für die einzelnen S, allgemein geringerer Lärmpegel, weniger Störungen (die Vorrang haben), Möglichkeiten, methodisch zu variieren etc.), wird mit statistischen Aussagen beiseite gewischt, also ignoriert.

Die Aussage »l’enfer c’est les autres« (die Hölle, das sind die anderen) stammt aus dem Drama eines Lehrers, der möglicherweise seine S sehr genau beobachtet hat und wusste, was es für die introvertierteren Lernenden bedeutet, tagtäglich viele Stunden mit etlichen Gleichaltrigen eingesperrt zu sein.

Unter meinen S sind stetig mehr, die psychische Probleme haben (und auch das hat Gründe), auf die man sehr viel mehr als möglich eingehen müsste, für die der Unterschied beispielsweise zwischen gerade noch erträglichen 20 MitS und zu unerträglicher Enge führenden 30 MitS durchaus signifikant ist … für einen Landesrechnungshof, für eine Gesellschaft, für die Durchsetzungsvermögen eine Tugend ist, die Schwächen aber als Laster wertet, zählen derlei Argumente natürlich genau Null.

Europäische Wirklichkeiten des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts im Spiegel digitaler Medienvielfalt.

Literatur aus Deutschland

Unser neues Unterrichtsvorhaben im Fach Deutsch (12. Jahrgang, erhöhtes Anforderungsniveau, d. h. 5 Wochenstunden) am Beruflichen Gymnasium, das sich auf dem beiliegenden Arbeitsblatt skizziert findet, nimmt die zweite Hälfte des neunzehnten und ein kleines bisschen des zwanzigsten Jahrhunderts in den Blick; wir lesen auf jeden Fall (neben passenden Kurztexten unterschiedlicher Provenienz) Fontanes Effi Briest (ich wollte ja zuerst nicht, bin aber inzwischen versöhnt) sowie Manns Buddenbrooks, eventuell noch Hauptmanns Die Ratten. Diese Werke behandeln wir gemeinsam auch im Unterricht.

Literatur aus Europa

Weil Literatur immer auch vom Miteinander der Kulturen lebt und das, was wir »Realismus« nennen, in anderen Ländern ganz anders aussieht, sollen die S auch mal links und rechts schauen und sich parallel in Zweier- bis Vierergruppen ein Werk aus der (im weitesten Sinne) europäischen Literatur der Zeit erarbeiten sowie zur Präsentation im Unterricht vorbereiten. Auch die Werke zur Wahl finden sich auf dem Arbeitsblatt.

Aufgabe

Die Aufgabe (siehe Arbeitsblatt) ist dabei in ihrer Vielgestalt durchaus anspruchsvoll. »Präsentation« heißt in diesem Zusammenhang »eine interessante und förderliche Doppelstunde gestalten«. (Die S kennen derlei aus dem letzten Halbjahr, in dem die S zu zweit jeweils eine oder mehrere Szene(n) aus dem Faust vorstellten).

Werkzeuge im Web 2.0

Was ich bislang auch noch nicht ausprobiert habe, ist der Aufgabenteil »Nutzung von mindestens drei Werkzeugen […] für unterschiedliche Teile Ihrer gemeinsamen Arbeit und/oder Gesamtpräsentation«, wobei ich auf die Liste der Werkzeuge im Web 2.0 (siehe Arbeitsblatt) hinweise. Die Werkzeuge habe ich kurz vorgestellt, doch wird im Unterricht kaum Zeit sein, sie öfter auszuprobieren: die EDV-Räume sind durch andere Kurse belegt, ein verlässliches WLAN und ebensolche Rechner sind selten verfügbar. Die Werkzeuge kollaborativen Tuns können und müssen also möglicherweise gleich beim Erarbeiten der Inhalte und Strukturen erprobt werden. Ich hoffe mithin auf die Kreativität und Findigkeit meiner Schülerinnen und Schüler.