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Arbeiten mit Quellen.

Zu Nina Tollers Artikel Quellen angeben? Das machen wir doch sonst auch nie! schrieb ich in etwa:

Nicht unterschlagen sollte man allerdings ehrlicherweise auch, dass Schüler_innen nach Vorbildern lernen: kaum eine Lehrkraft nennt ihre Quellen für das selbstgefertigte (oder irgendwo heruntergeladene) Arbeitsblatt, für den Textauszug, für die Bilder; von Vollständigkeit ganz zu schweigen. Es geht dabei gar nicht zuerst um Medienkompetenz (gemeint hier: Google bedienen können), sondern zunächst um Transparenz, Nachprüfbarkeit und (im Falle gymnasialer Bildung) wissenschaftspropädeutisches Arbeiten.

Zumindest die Textquellen belege ich, seit ich meine Arbeitsblätter mit TeX setze – weil’s mit BibDesk, dem Literaturverwaltungsprogramm, schön einfach und standardkonform geht und inzwischen eine leicht nutzbare Datenbank entstanden ist, aus der häufiger gebrauchte Quellen leicht zu zitieren sind. (Ähnlich auch in Word zu finden.) Bezüglich der Bilder ist es in vielen Fällen gar nicht so einfach, die Urheber zu finden, denn im Netz kursierende Bilder sind häufig nicht oder nicht korrekt mit entsprechenden Angaben versehen. Das ist natürlich auch nur (m)eine Ausrede (Besserung gelobend).

Wie geht’s weiter mit der Schule? (4)

Bob Blume hat Zweifel. Und weil ich meine, das ist gut so, schrieb ich in etwa in sein Blog:

Die Begeisterung über das digitale Werkzeug verebbt, der Wert des analogen Tuns wird wieder entdeckt: was für ein wertvoller Moment!: Du hast die Fähigkeit zum Arbeiten mit dem Neuen und das Wissen, um es sinnvoll einsetzen zu können. Was willst Du mehr?: genau dahin möchtest Du die S doch auch bringen. Und dazu wirst Du Deinen Teil beitragen können, indem Du Dich für die Vorbereitung der Stunden auf den gesamten Fächer der Möglichkeiten besinnst.

Heilslehren zeitigten schon immer im besten Falle fragwürdige Resultate. Bedachtsamkeit rulez.

Ich habe so einige Kolleg_innen, die nach wie vor dicke Ordner voller ausschließlich analog vorhandener Materialien von hier nach dort schleppen, Collagen anfertigen lassen und Kärtchen an Pinnwände stecken. Ich habe keinerlei Veranlassung zu glauben, dass ihr Einfluss auf Wissen und Können der Schüler_innen geringer sein könnte als meiner, nur weil ich gern mit MacBook und Beamer arbeite und nie auf die Idee käme, eine Mindmap gemeinsam mit Schüler_innen anders als per XMind zu basteln. Unter anderem übrigens deshalb, weil dieselben Lehrkräfte in anderen Stunden Projektunterrichte leiten und Veranstaltungen organisieren lassen, während ich ganz popelig einfach nur einen Text auf Papier präsentiere.

Wir Lehrkräfte kennen pubertäre Selbstüberschätzung, die nichts gelten lässt als die eigene Weltsicht, doch ganz gut. Im Regelfall ist sie bei Lehrer_innen fehl am Platze.

Neue Essay-Themen: Immanuel Kant, John Gray, Marc Aurel, Laurie Penny, Guoan Shiyuan, Albert Einstein, Roger Willemsen.

Damit ich in den Osterferien etwas zu lesen (und leider auch zu benoten) habe, bekamen meine Philosophiekurse im 12. Jahrgang wieder die obligatorische Essayaufgabe, für die sie gut drei Wochen Bearbeitungszeit hatten. Gestern habe ich die Texte der Schüler_innen eingesammelt, nun darf ich die Lektüre beginnen.

Hier sind die Themen dieses Halbjahres zum Nachlesen.

Veränderungen.

Seit einiger Zeit habe ich mich deutlich zurückhaltend zu Projekten und Vorhaben in der Schule geäußert, was seinen Grund in einer Verlagerung des Schwerpunkts meiner Arbeit hat, die vorbereitend einigen Mehraufwand erfordert. Außerdem sollten von dieser Veränderung meine Schüler_innen, deren Unterricht ich leider nicht mehr fortführen kann, zuerst direkt erfahren, bevor sie es hier lesen könnten. Seit heute vormittag wissen sie Bescheid.

Zuletzt habe ich bis einschließlich des zu Ende gehenden Schulhalbjahres etwa gleich viele Stunden am Beruflichen Gymnasium (BG) und an der Berufsschule erteilt; mit Wirkung vom 1.2.2016 aber wird mir die »Wahrnehmung der Aufgaben der Funktionsstelle ›Leitung der Abteilung – Außenstelle Bad Malente mit Landesberufsschulen –‹ an der Beruflichen Schule des Kreises Ostholstein in Eutin« übertragen, wie es im freundlichen Verwaltungsdeutsch des offiziellen Schreibens heißt und was bedeutet, dass ich die Leitung der Abteilung, an der ich bislang schon mit etwa der Hälfte meines Stundendeputats tätig war, übernehmen werde.

Konkret werde ich künftig nur noch sechs Stunden Philosophie am BG (und kein Deutsch mehr) unterrichten, an der Berufsschule jedoch werde ich meine Stunden spezieller Betriebslehre bei den Buchhändlern sowie EDV in allen vier kaufmännischen Berufen (neben den Buchhändler_innen Immobilienkaufleute, Tourismuskaufleute (Privat- und Geschäftsreisen) sowie Kaufleute für Tourismus und Freizeit) behalten. Eventuell kommt die eine oder andere Stunde Politik (wieder) hinzu, sehr verlässlich aber viel planerische Arbeit, denn an der Landesberufsschule haben wir aus Gründen einen wöchentlich wechselnden Stundenplan. Zudem handeln wir als Außenstelle unserer Schule in Bezug auf viele ganz unterschiedliche Aspekte für schulische Verhältnisse schon immer vergleichsweise selbständig – die Leitung hat damit eine zentrale Funktion als Ansprechpartner aller am Schulleben beteiligten Akteure. Hier den unterschiedlichen (und sicher auch mal gegensätzlichen) Erwartungen gerecht zu werden, wird eine besondere Herausforderung sein.

Auf diese Leitungsaufgabe freue ich mich (sonst hätte ich mich ja nicht dafür beworben). Ich bin gespannt auf die Erfahrungen – auch im Hinblick auf die Problematik, die Thomas als wesentlich für den anstehenden Wechsel beschrieben hat, auch im Hinblick auf die Komplexität und Vielfältigkeit der Aufgabe, wie sie immer mal wieder bei Tanja deutlich wird, und so fort.

Von etwas erzählen: Quantenphysik und Kosmologie.

Schon erstaunlich, was wir uns in der Schule so für Gedanken machen: wie wir mit immer neuen Methoden, einem Wechsel vom wissens- zum kompetenzorientierten Lernbegriff [und hier bitte den Rest der pädagogischen Diskussionen und Neuerungen der letzten Jahre und Jahrzehnte ergänzen] sowie heutzutage auch immer mehr Technik unseren Schülerinnen und Schülern etwas »beibringen« könnten.

Beim 32c3 [Wiki] des CCC – wo man, wie an anderer Stelle sichtbar wird, immer alle notwendige Technik zur Verfügung hat – läuft das zum Beispiel so: jemand, der Bescheid weiß, setzt sich auf einen Tisch und erzählt eine Stunde lang über Quantenphysik und Kosmologie. Wie am Lagerfeuer: ganz ohne Material, ohne Folien, nur mit dem Maß an Veranschaulichung, das mit Mimik und Gestik eben möglich ist.

Werkzeuge im Netz.

KärtchenAuf der schon erwähnten Tagung »Lesen, Schreiben, Wischen – Digitale Medien im Deutschunterricht auf dem Prüfstand« des Fachverbandes Deutsch habe ich auch einen Workshop zum oben genannten Thema geleitet. Es gab einen Arbeitsauftrag, dessen Ergebnisse in einer Google-Docs-Tabelle gesichert wurden. Hier ist das Ergebnis (das natürlich noch mündlich ergänzt und diskutiert wurde). Weil der Workshop zweimal mit unterschiedlichen Teilnehmer_innen stattfand und ich die Ergebnisse aus zwei Tabellen ohne die Texte zu redigieren zusammengefügt habe, können einzelne Einträge redundante Informationen enthalten.

Bloggende Lehrer_innen.

Anlässlich der Tagung Tagung »Lesen, Schreiben, Wischen – Digitale Medien im Deutschunterricht auf dem Prüfstand«, die am 13. und 14. November 2015 in der Akademie Sankelmark stattfand, habe ich einen kleinen Vortrag zum oben genannten Thema gehalten. Hier ist das virtuelle Typoskript.

(Das Übertragen der Links in die TeX-Datei war zwar arbeitsaufwendiger als notwendig, wenn Ihr allerdings den Quellcode dessen sehen würdet, was Evernote »HTML-Export« nennt, bedecktet Ihr weinend Euer Gesicht und wendetet Euch grausend ab. Dann lieber Arbeit und ein hübsches Dokument.)

Kurze Notate aus der ersten Woche Schule.

Mitten in der Nacht aufstehen. Endlich wieder den USB-Stick leerkopieren. Auf den Fluren Menschen, die Orientierung suchen, weil ihr Raum nicht auffindbar ist. Im Lehrerzimmer Gedränge wie auf dem Bahnhof; Lautstärkepegel etwas höher. Ausgeruhte Fröhlichkeit allerorten, neue Gesichter zwischen den alten, einige alte fehlen.

Die schon bekannten Schüler_innen sehen alle etwas anders aus als vor den Ferien: hier eine neue Frisur, dort mehr Gel, hier verändertes Outfit, dort ein Lächeln. Ernsthaftigkeit erkannt: wir sind jetzt groß, ab heute beginnt das (Punktesammeln fürs) Abitur.

Die Aufteilung in Philosophie- und Religionskurse fällt in die Einschulungsphase, kurze Informationen über die absehbaren Inhalte führen zu nachdenklichen Gesichtern, doch die Eintragungen in die Namenslisten müssen jetzt! erfolgen. Schwierigkeiten des komplexen Stundenplans führen zu Unverträglichkeiten (wer in Mathekurs 1 ist, kann nicht im gleichzeitig stattfindenden Philokurs sein, wer allerdings den eA-Kurs hat, sehr wohl, aber nur wenn er nicht im Kurs Berufliche Informatik 2 ist – das alles gilt für den einen Zweig des Beruflichen Gymnasiums, für andere gilt anderes o. ä.), die verstanden und berücksichtigt werden müssen. Alles aber sehr entspannt, weil erholt, was sich auch im Unterricht an hoher Aktivität der Schüler_innen zeigt.

In einigen Kursen allerdings feststellen, dass das Versetzungszeugnis für nicht wenige eine unüberwindliche Hürde war.

Themen im BG: Lyrik der Romantik (eA), 2 x Philosophische Anthropologie, 2 x Erkenntnistheorie.

Absprachen treffen über Besuche von Praktikanten im Unterricht sowie über die Fachexkursion zur Buchmesse nach Frankfurt.

Nachmittägliche Dienstversammlung mit vielen wichtigen Themen – unter anderem der Vorstellung neuer Kolleg_innen.

Die Buchhändler_innen erwarten in diesem Block in einem Lernfeld mit vielen Stunden Erkenntnisse auf dem Gebiet der Sortimentsgestaltung mit unterschiedlichsten Warengruppen; hierzu habe ich Verlage wegen der Vorschauen angeschrieben (und diese erhalten, wenn sie nicht schon auf papierlose Präsentation umgestellt haben), ein großer Teil der Informationsrecherche wird dennoch (bzw. deswegen) im EDV-Raum stattfinden.

Google Docs arbeitet sehr zögerlich, wenn wir mit 10 < x < 20 Rechnern darauf zugreifen, um Erkenntnisse über vorhandene Sortimente tabellarisch zusammenzutragen (lese hier im Kommentar von einer möglichen Lösung, ist aber nicht so schnell umzusetzen); rasche improvisierte Lösung: exportierte Datei auf die allen zugängliche Schülerablage, diese wird mehrfach dupliziert, später dann die Einzelergebnisse per copy’n’paste übertragen (genau das, was ich vermeiden wollte …).

Hausaufgaben: Feinplanung der nächsten Stunden, Themen fürs philosophische Essay (Klausurersatzleistung) zusammenstellen, noch ein paar mögliche Lektüren querlesen.

Geschlechtergerechte Sprache in der Schule.

Bei Gelegenheit bin ich über einen Link gestolpert, der auf die zweite Auflage des Was tun? – Leitfadens zu antidiskriminierenden Sprachhandlungen der AG Feministisch Sprachhandeln der Humboldt-Universität zu Berlin verwies. Diesen kann man nicht nur herunterladen, sondern auch in gedruckter Form kostenlos bestellen.

Als Deutschlehrer habe ich dafür zwei Gründe: zum einen geht es um Sprache und ihren Gebrauch – das trifft das fachliche Interesse –, zum anderen geht es um auch im Unterricht bewusst zu gestaltendes Sprachhandeln, konkret für mich die Frage: wie kriege ich es hin, in der Schule einerseits möglichst wenig diskriminierend, andererseits aber auch möglichst verständlich zu kommunizieren? – Da kam der Leitfaden gerade recht.

Er ist über weite Strecken angenehm offen gehalten. Die Absicht, zunächst mal – wie es im »Benutzungshinweis« auf S. 3 formuliert ist – einen »Anstoß zum Nachdenken über die unterschiedlichen Formen von Sprachgebrauch«11: Gemeint ist hier an der Universität, ich halte allerdings die Art der Institution für weitgehend irrelevant. zu geben, wird voll erfüllt, ohne (ich gebe es zu, das war meine Befürchtung) zu sektiererisch eine bestimmte Form des Sprechens zu fordern. Es geht darum, Bewusstsein zu schaffen, über Kommunikation im allgemeinen und Sprache und ihre Bedeutung im speziellen zu reflektieren. Viel schöner formulieren das die sprachbezogenen Anteile unserer Lehrpläne auch nicht.

Auf ein paar der Teile des Leitfadens möchte ich kurz eingehen – Leser_innen mögen die Onlineversion nutzen, um mitzulesen und ihre Eindrücke zu vergleichen.

Im ersten Kapitel, »Sprachhandlungen und Veränderungen«, sammeln die Autor_innen vielfältige Reflexionsansätze, die sich immer mit Sprache, aber eben auch der Person, die Sprache nutzt, sowie ihrem Umfeld, in und mit dem Kommunikation stattfindet, beschäftigt. Es wird verdeutlicht, dass wir mit Sprache Zuschreibungen vornehmen und dabei im Regelfall von unserer Vorstellung von Normalität ausgehen (Beispiel: wir sagen »der blinde Mitarbeiter«, nicht aber »der sehende Mitarbeiter«), was im Leitfaden als mindestens potentiell diskriminierend markiert wird, weil Ausdrücke dieser Art normierten und damit auch ausgrenzten. – Ob eine solche Benennung in jedem Fall problematisch oder aber durchaus sinnvolle Praxis ist, wäre zu diskutieren. Ich sehe dies solange als unproblematisch an, solange diese Zuschreibungen nicht pejorativer Natur sind: nicht jede Differenzierung ist eine Diskriminierung.

In einer Situationsbeschreibung wie dieser –

um z.B. gehbeHinderte Personen nicht mit der allgemeinen Aufforderung zu diskriminieren, bei der persönlichen Vorstellung aufzustehen, oder im Ankündigungstext eines Seminars implizit davon auszugehen, dass alle Seminarteilnehmer*innen den Beitrag für die obligatorische Exkursion ohne Probleme aufbringen können. [Leitfaden, 13]

– wird deutlich, worum es mir auch gehen kann, wenn ich versuche, mich adäquat auszudrücken: um Taktgefühl und Höflichkeit, die in der Wahrnehmung Aufmerksamkeit und Empathie erfordern.

Bereits in diesem ersten Abschnitt übrigens verwenden die Autor_innen nicht allgemein bekannte Bezeichnungen und Markierungen als Termini (»ableisieren«, »empowern« etc.); die meisten werden im Glossar im Anhang erklärt.

Im zweiten Kapitel, »Sprachformen im Überblick«, wird eine Tabelle möglicher Sprachformen gezeigt, die nach der allgemein gehaltenen Einleitung deutlich auf die Geschlechter-/Gender-Problematik22: Hiermit wird unterschieden zwischen dem biologischen Geschlecht und der »sozialen, gesellschaftlich konstruierten oder psychologischen Seite des Geschlechts einer Person«. (Danke, Wikipedia.) zugeschnitten sind. Der Deutschlehrer freut sich an dieser Stelle über die Synopse.

In den anschließenden »Entscheidungshilfen zur Auswahl von Sprachformen« vertreten die Autor_innen die Ansicht, eine wirklich alle einschließende Anspracheform gebe es nicht, stattdessen sei es notwendig, immer wieder neu das Sprachhandeln zu reflektieren und kreativ neu zu gestalten. Hierzu werden zunächst Fragen gesammelt, die ich mir im Hinblick auf einen konkreten Sprachanlass stellen kann, um einerseits meine Motivation und andererseits die Interessen der Adressat_innen, der an der Kommunikation Teilnehmenden zu analysieren.

Das vierte Kapitel, »Formen antidiskriminierender Sprachhandlungen«, stellt dann die in der Tabelle vorgestellten Handlungsweisen vor. Ich nenne sie hier kurz – inklusive meiner Einschätzungen in Bezug auf die schulische Praxistauglichkeit, unterschieden nach mündlicher und schriftlicher Kommunikation. (Dabei sei darauf hingewiesen, dass alle meine Schüler_innen mindestens den 11. Jahrgang des Beruflichen Gymnasiums besuchen, im Regelfall also mindestens 16 Jahre alt sind; der überwiegende Teil ist volljährig.)

x-Form und *-Form
Dx Schülerx hat in xm Vortrag geglänzt! – Diese Form soll als möglichst neutrale Form alle Arten der Gender-Festlegung umgehen. Das klappt – ansonsten erfüllt sie im Wesentlichen den Zweck des Reflexionstriggers, der jedoch den Transport der inhaltlichen Information deutlich behindert. Im Schulalltag nicht zu gebrauchen.
Dynamischer Unterstrich
We_lche Schül_erin ist mit i_hrem Referat fertig? Sie_r soll sich melden. – Diese Form soll auf das Problem hinweisen, dass wir im Regelfall zweigendern, also davon ausgehen, dass die Differenzierung in weiblich und männlich eine hinreichend genaue Art der Beschreibung von Gender-Identitäten ist. Das Wandern des Unterstrichs symbolisiere dabei die gewünschte Dynamik der Genderwahrnehmung. – Nudge, nudge!: ein Finde-den-Unterstrich-Spielchen mag interessant sein, nervt aber ein wenig, wenn ich einen Text lesen möchte. Das unmotivierte Hin- und Herspringen ist natürlich fein auffällig, aber im Schulalltag nicht zu gebrauchen. Ähnliches gilt für den aus diesem Grunde hier nicht genauer betrachteten Wortstamm- oder Silbenunterstrich.
*-Form II oder statischer Unterstrich
Die Schüler_innen gingen in die Mensa. – Alle bislang behandelten Formen funktionieren im wesentlichen in schriftlicher Kommunikation. In dieser steht das Sternchen aber häufig für Fußnoten, was Missverständnisse wahrscheinlich macht, daher ist die von mir bevorzugte Form momentan der auch gender gap genannte Unterstrich. Diese Form thematisiert die Problematik binärer Setzungen33: Kurz: die Annahme, es gebe älter werdende Jungs und Mädchen in der selben polaren Zuverlässigkeit, in der die Hebamme im Regelfall (!) das biologische Geschlecht des gerade geborenen Kindes verkündet., ohne allerdings zu aufdringlich zu werden. Ästhetisch sensible Gemüter wird die aus typografischen Gründen als zu groß empfundene Lücke entsetzen; hier bleibt zu hoffen, dass beizeiten nicht nur unnötige Glyphen wie das große ß (ẞ), sondern auch in dieser Angelegenheit nützliche Zeichen wie der halbe Unterstrich erfunden werden. Problem dieser Form: zwar gut schreib-, aber nicht sprechbar.
Generisches Femininum bzw. umfassende Frauisierung
In der Lehrerkonferenz treffen sich alle Lehrerinnen der Schule. – So wie häufig gemeint wird, mit dem Wort »Lehrer« spreche man Männer und Frauen an, kann mithilfe der Umkehrung heilsame Irritation erzeugt werden. Schüler_innen gegenüber ebenso wie im Gespräch mit Kolleg_innen. Ansonsten ist diese Form natürlich ebenso falsch wie das generische Maskulinum.
a-Form
Da Schüla tippt auf dem Computa. – Die mit dieser Variante von den Initiator_innen gewünschte stärkere Feminisierung der Sprache dürfte eher als unangemessen stark dialektal gefärbt empfunden werden und ist im orthographischen Sinne arg kontraproduktiv. – Kreativität ist eben nur möglich, wenn auch Unsinn gedacht werden darf.
Binnen-I und ZweiGenderung
Kennen die LeserInnen aus der taz. – Im Grunde eine einfachere Variante des statischen Unterstrichs ohne dessen Vorteil der Andeutung der möglichen Varianten zwischen den Extrempolen.

Die Überschrift des fünften Kapitels – »Reflexionsübungen zu eigenen Normalisierungs-Vorstellungen« – verdeutlicht schon seinen Zweck.

Im sechsten Kapitel, »Anreden, Komposita und was sonst noch wichtig ist« wird die Problematik des Wunsches aufgezeigt, möglichst alle Anwesenden gleichermaßen anzusprechen. Nutzen wir aber beispielsweise die Anrede »Liebe Schülerinnen und Schüler«, zeigen wir in der binären Benennung wieder nur die häufigsten Extrempunkte auf. Dies ist aber immerhin besser als gar keine Bemühung um gleichartige Erwähnung. Die Wahl von pseudogenerischen Wortformen (»Lehrkraft« statt »Lehrerinnen und Lehrer« oder gar »Lehrer«) mag in einigen Fällen ein Ausweg sein. Dass politische oder gesellschaftliche Sachverhalte dabei unreflektiert bleiben, wie die Autor_innen des Leitfadens meinen (vgl. S. 33), halte ich für unerheblich: nicht in jeder Situation kann die ganze Ungerechtigkeit der Welt mitgedacht werden; gerade in der Schule braucht es auch die Möglichkeit der Fokussierung auf ein Teilproblem.

Grundsätzlich kritisiert werden im siebten Kapitel, »Pseudo-antidiskriminierende Sprachformen und Formulierungen« weithin übliche, meist aber das Problem allenfalls verschiebende Lösungen: dass »aus Gründen der Lesbarkeit« nur männliche Formen genutzt werden, Frauen aber mitgemeint seien, stellt ebenso wie das generische Femininum Sachverhalte schlicht falsch dar und verbietet sich daher. Partizipialformen wie »Lernende« und »Lehrende« sind zwar praktisch (weil Doppelnennungen vermieden werden können), allerdings assoziierten Zuhörer_innen oder Leser_innen trotzdem eher männliche Personen. Schrägstrich- oder Klammerformen (z. B. Schüler/in, Professor(inn)en) nennen die weiblichen Formen nicht gleichbedeutend zu den männlichen. Schließlich wird auch die Verwendung des »man« kritisiert; die Autor_innen schlagen vor, es durch Passivkonstruktionen oder direkte Anreden zu ersetzen. Ersteres aber ist stilistisch unschön (und Wolf Schneider würde wütend korrigieren), Letzteres unproblematisch.

Im achten Kapitel finden Sie dann die »Argumentationshilfen für antidiskriminierende Sprachhandlungen«, die sicher auch auf Deine Einwände das passende Gegenargument bereithalten.

Insgesamt halte ich den Ansatz der Reflexion und Lösungssuche für wertvoll. Für mich habe ich praktikable Lösungen gefunden (Unterstrich in der schriftlichen, Benennung beider Geschlechter in der mündlichen Kommunikation), die nicht der Weisheit letzter Schluss, aber ein guter Kompromiss zwischen Negierung des Problems und Ausleben praxisuntauglicher Kreativität zu sein scheint.

Am Beruflichen Gymnasium haben wir leider kein sprachbezogenes Korridorthema fürs Abitur; an den allgemeinbildenden Gymnasien ist dies anders. Hier könnte die Broschüre gut auch im Unterricht zur Auseinandersetzung mit dem Thema genutzt werden – sie ist, wie schon erwähnt, nicht nur als PDF zu haben, sondern auch in gedruckter Form kostenlos bestellbar.

Diskussionsveranstaltung »Fehlerquotient: Nachteil und Nutzen«.

In Schleswig-Holstein gibt es seit Ende 2014 neue Fachanforderungen im Fach Deutsch, die unter anderem eine leicht veränderte Regelung im Hinblick auf die Bewertung von Fehlern im Bereich der Sprachrichtigkeit (Orthografie, Interpunktion, Grammatik) mit sich bringen. Dies haben wir im Fachverband Deutsch, der Gruppe der Lehrkräfte im Deutschen Germanistenverband, zum Anlass genommen, eine Diskussionsveranstaltung zum Thema zu organisieren. Im Folgenden der Text der Einladung:

Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer in Schleswig-Holstein sind in ihrer Korrekturpraxis verunsichert, weil der Fehlerquotient, der viele Jahre lang zur Korrekturpraxis gehörte, verändert worden ist. Die Lehrkräfte fragen sich, wie sie die Sprachrichtigkeit künftig bewerten sollen. Das bildet den Anlass für ein vertiefendes Nachdenken darüber,
  • was die Korrekturpraxis bisher für die Transparenz der Notengebung, aber auch für die Weiterentwicklung der Sprachrichtigkeit bei den Lernenden geleistet hat,
  • welche Wege zu einer angemessenen, landesweit vergleichbaren, gerechten Bewertung der Sprachrichtigkeit führen,
  • wie die Kompetenz der Lernenden, richtig und gut zu schreiben, weiterentwickelt werden kann.

Das Ziel der Veranstaltung: Experten nehmen zu einzelnen Aspekten des Komplexes Stellung, so dass zahlreiche Faktoren thematisiert werden. In der sich anschließenden Diskussion sollen Handlungsimpulse entwickelt werden, die zu Korrekturgerechtigkeit und verbesserter Sprachkompetenz der Jugendlichen führen können.

Montag, 23. März 2015, 15.30–17.30 Uhr,
in Kiel, Käthe-Kollwitz-Schule, Paul-Fleming-Straße 1

Programm

  • Begrüßung
    • KKS-Schulleiterin OStD’ Susanne Schütz
    • die Landesvorsitzende des Fachverbands Deutsch Gabriele Knoop
  • Kurz-Statements auf dem Podium von Vertreter/innen des Ministeriums, des IQSH, von Lehrer- und Elternverbänden, der IHK und von Seiten der Schulleitung sowie von Lehrer/innen und Schüler/innen
  • Offene Diskussion
  • Konsequenzen und Resümee

Moderation: Arne Schumacher

Wir freuen über Ihre Zusage: GermanistenverbandSH@email.de

Sachtexte im Deutschunterricht – Beispielanalyse.

Zur Zeit arbeiten wir in meinem Deutschkurs des 11. Jahrgangs an der Sachtextanalyse. Hierzu haben wir begleitend einige Ausgaben der FAZ und der Zeit geschenkt bekommen, was für viele S die erste Begegnung mit einer überregionalen Qualitätszeitung ist.

Nach vielen stichwortartig ausgeführten Vorübungen ist irgendwann auch einmal ein ganzer Analyseaufsatz als Hausaufgabe zu schreiben, und damit die S neben eigenen Texten (Schreibkonferenz mit Rückmeldebogen) hinterher auch einmal einen Beispieltext lesen können, habe ich die Hausaufgabe auch erledigt11: In den Beispielen im Die-Zeit-Begleitmaterial Medienkunde werden zwar ebenfalls Argumentationsstruktur und sprachliche Gestaltung untersucht, leider allerdings immer nur abschnittsweise wie für eine vorbereitende Stichwortsammlung, sodass ein Beispiel eines ganzen Aufsatzes fehlt. – nicht ohne über die Entscheidung der S für einen so langen Text zu fluchen. Formal habe ich mich an den neuen Fachanforderungen orientiert.

Der zu analysierende Artikel Ulrich Greiners – »Schönheit muss man lernen« – findet sich inzwischen auch online – meine Untersuchung hier.

Greiners Artikel hat übrigens in der darauffolgenden Woche eine Antwort erhalten von Yascha Mounk: Allgemeinbildung ist überschätzt.