Skip to content

Geschlechtergerechte Sprache in der Schule.

Bei Gelegenheit bin ich über einen Link gestolpert, der auf die zweite Auflage des Was tun? – Leitfadens zu antidiskriminierenden Sprachhandlungen der AG Feministisch Sprachhandeln der Humboldt-Universität zu Berlin verwies. Diesen kann man nicht nur herunterladen, sondern auch in gedruckter Form kostenlos bestellen.

Als Deutschlehrer habe ich dafür zwei Gründe: zum einen geht es um Sprache und ihren Gebrauch – das trifft das fachliche Interesse –, zum anderen geht es um auch im Unterricht bewusst zu gestaltendes Sprachhandeln, konkret für mich die Frage: wie kriege ich es hin, in der Schule einerseits möglichst wenig diskriminierend, andererseits aber auch möglichst verständlich zu kommunizieren? – Da kam der Leitfaden gerade recht.

Er ist über weite Strecken angenehm offen gehalten. Die Absicht, zunächst mal – wie es im »Benutzungshinweis« auf S. 3 formuliert ist – einen »Anstoß zum Nachdenken über die unterschiedlichen Formen von Sprachgebrauch«11: Gemeint ist hier an der Universität, ich halte allerdings die Art der Institution für weitgehend irrelevant. zu geben, wird voll erfüllt, ohne (ich gebe es zu, das war meine Befürchtung) zu sektiererisch eine bestimmte Form des Sprechens zu fordern. Es geht darum, Bewusstsein zu schaffen, über Kommunikation im allgemeinen und Sprache und ihre Bedeutung im speziellen zu reflektieren. Viel schöner formulieren das die sprachbezogenen Anteile unserer Lehrpläne auch nicht.

Auf ein paar der Teile des Leitfadens möchte ich kurz eingehen – Leser_innen mögen die Onlineversion nutzen, um mitzulesen und ihre Eindrücke zu vergleichen.

Im ersten Kapitel, »Sprachhandlungen und Veränderungen«, sammeln die Autor_innen vielfältige Reflexionsansätze, die sich immer mit Sprache, aber eben auch der Person, die Sprache nutzt, sowie ihrem Umfeld, in und mit dem Kommunikation stattfindet, beschäftigt. Es wird verdeutlicht, dass wir mit Sprache Zuschreibungen vornehmen und dabei im Regelfall von unserer Vorstellung von Normalität ausgehen (Beispiel: wir sagen »der blinde Mitarbeiter«, nicht aber »der sehende Mitarbeiter«), was im Leitfaden als mindestens potentiell diskriminierend markiert wird, weil Ausdrücke dieser Art normierten und damit auch ausgrenzten. – Ob eine solche Benennung in jedem Fall problematisch oder aber durchaus sinnvolle Praxis ist, wäre zu diskutieren. Ich sehe dies solange als unproblematisch an, solange diese Zuschreibungen nicht pejorativer Natur sind: nicht jede Differenzierung ist eine Diskriminierung.

In einer Situationsbeschreibung wie dieser –

um z.B. gehbeHinderte Personen nicht mit der allgemeinen Aufforderung zu diskriminieren, bei der persönlichen Vorstellung aufzustehen, oder im Ankündigungstext eines Seminars implizit davon auszugehen, dass alle Seminarteilnehmer*innen den Beitrag für die obligatorische Exkursion ohne Probleme aufbringen können. [Leitfaden, 13]

– wird deutlich, worum es mir auch gehen kann, wenn ich versuche, mich adäquat auszudrücken: um Taktgefühl und Höflichkeit, die in der Wahrnehmung Aufmerksamkeit und Empathie erfordern.

Bereits in diesem ersten Abschnitt übrigens verwenden die Autor_innen nicht allgemein bekannte Bezeichnungen und Markierungen als Termini (»ableisieren«, »empowern« etc.); die meisten werden im Glossar im Anhang erklärt.

Im zweiten Kapitel, »Sprachformen im Überblick«, wird eine Tabelle möglicher Sprachformen gezeigt, die nach der allgemein gehaltenen Einleitung deutlich auf die Geschlechter-/Gender-Problematik22: Hiermit wird unterschieden zwischen dem biologischen Geschlecht und der »sozialen, gesellschaftlich konstruierten oder psychologischen Seite des Geschlechts einer Person«. (Danke, Wikipedia.) zugeschnitten sind. Der Deutschlehrer freut sich an dieser Stelle über die Synopse.

In den anschließenden »Entscheidungshilfen zur Auswahl von Sprachformen« vertreten die Autor_innen die Ansicht, eine wirklich alle einschließende Anspracheform gebe es nicht, stattdessen sei es notwendig, immer wieder neu das Sprachhandeln zu reflektieren und kreativ neu zu gestalten. Hierzu werden zunächst Fragen gesammelt, die ich mir im Hinblick auf einen konkreten Sprachanlass stellen kann, um einerseits meine Motivation und andererseits die Interessen der Adressat_innen, der an der Kommunikation Teilnehmenden zu analysieren.

Das vierte Kapitel, »Formen antidiskriminierender Sprachhandlungen«, stellt dann die in der Tabelle vorgestellten Handlungsweisen vor. Ich nenne sie hier kurz – inklusive meiner Einschätzungen in Bezug auf die schulische Praxistauglichkeit, unterschieden nach mündlicher und schriftlicher Kommunikation. (Dabei sei darauf hingewiesen, dass alle meine Schüler_innen mindestens den 11. Jahrgang des Beruflichen Gymnasiums besuchen, im Regelfall also mindestens 16 Jahre alt sind; der überwiegende Teil ist volljährig.)

x-Form und *-Form
Dx Schülerx hat in xm Vortrag geglänzt! – Diese Form soll als möglichst neutrale Form alle Arten der Gender-Festlegung umgehen. Das klappt – ansonsten erfüllt sie im Wesentlichen den Zweck des Reflexionstriggers, der jedoch den Transport der inhaltlichen Information deutlich behindert. Im Schulalltag nicht zu gebrauchen.
Dynamischer Unterstrich
We_lche Schül_erin ist mit i_hrem Referat fertig? Sie_r soll sich melden. – Diese Form soll auf das Problem hinweisen, dass wir im Regelfall zweigendern, also davon ausgehen, dass die Differenzierung in weiblich und männlich eine hinreichend genaue Art der Beschreibung von Gender-Identitäten ist. Das Wandern des Unterstrichs symbolisiere dabei die gewünschte Dynamik der Genderwahrnehmung. – Nudge, nudge!: ein Finde-den-Unterstrich-Spielchen mag interessant sein, nervt aber ein wenig, wenn ich einen Text lesen möchte. Das unmotivierte Hin- und Herspringen ist natürlich fein auffällig, aber im Schulalltag nicht zu gebrauchen. Ähnliches gilt für den aus diesem Grunde hier nicht genauer betrachteten Wortstamm- oder Silbenunterstrich.
*-Form II oder statischer Unterstrich
Die Schüler_innen gingen in die Mensa. – Alle bislang behandelten Formen funktionieren im wesentlichen in schriftlicher Kommunikation. In dieser steht das Sternchen aber häufig für Fußnoten, was Missverständnisse wahrscheinlich macht, daher ist die von mir bevorzugte Form momentan der auch gender gap genannte Unterstrich. Diese Form thematisiert die Problematik binärer Setzungen33: Kurz: die Annahme, es gebe älter werdende Jungs und Mädchen in der selben polaren Zuverlässigkeit, in der die Hebamme im Regelfall (!) das biologische Geschlecht des gerade geborenen Kindes verkündet., ohne allerdings zu aufdringlich zu werden. Ästhetisch sensible Gemüter wird die aus typografischen Gründen als zu groß empfundene Lücke entsetzen; hier bleibt zu hoffen, dass beizeiten nicht nur unnötige Glyphen wie das große ß (ẞ), sondern auch in dieser Angelegenheit nützliche Zeichen wie der halbe Unterstrich erfunden werden. Problem dieser Form: zwar gut schreib-, aber nicht sprechbar.
Generisches Femininum bzw. umfassende Frauisierung
In der Lehrerkonferenz treffen sich alle Lehrerinnen der Schule. – So wie häufig gemeint wird, mit dem Wort »Lehrer« spreche man Männer und Frauen an, kann mithilfe der Umkehrung heilsame Irritation erzeugt werden. Schüler_innen gegenüber ebenso wie im Gespräch mit Kolleg_innen. Ansonsten ist diese Form natürlich ebenso falsch wie das generische Maskulinum.
a-Form
Da Schüla tippt auf dem Computa. – Die mit dieser Variante von den Initiator_innen gewünschte stärkere Feminisierung der Sprache dürfte eher als unangemessen stark dialektal gefärbt empfunden werden und ist im orthographischen Sinne arg kontraproduktiv. – Kreativität ist eben nur möglich, wenn auch Unsinn gedacht werden darf.
Binnen-I und ZweiGenderung
Kennen die LeserInnen aus der taz. – Im Grunde eine einfachere Variante des statischen Unterstrichs ohne dessen Vorteil der Andeutung der möglichen Varianten zwischen den Extrempolen.

Die Überschrift des fünften Kapitels – »Reflexionsübungen zu eigenen Normalisierungs-Vorstellungen« – verdeutlicht schon seinen Zweck.

Im sechsten Kapitel, »Anreden, Komposita und was sonst noch wichtig ist« wird die Problematik des Wunsches aufgezeigt, möglichst alle Anwesenden gleichermaßen anzusprechen. Nutzen wir aber beispielsweise die Anrede »Liebe Schülerinnen und Schüler«, zeigen wir in der binären Benennung wieder nur die häufigsten Extrempunkte auf. Dies ist aber immerhin besser als gar keine Bemühung um gleichartige Erwähnung. Die Wahl von pseudogenerischen Wortformen (»Lehrkraft« statt »Lehrerinnen und Lehrer« oder gar »Lehrer«) mag in einigen Fällen ein Ausweg sein. Dass politische oder gesellschaftliche Sachverhalte dabei unreflektiert bleiben, wie die Autor_innen des Leitfadens meinen (vgl. S. 33), halte ich für unerheblich: nicht in jeder Situation kann die ganze Ungerechtigkeit der Welt mitgedacht werden; gerade in der Schule braucht es auch die Möglichkeit der Fokussierung auf ein Teilproblem.

Grundsätzlich kritisiert werden im siebten Kapitel, »Pseudo-antidiskriminierende Sprachformen und Formulierungen« weithin übliche, meist aber das Problem allenfalls verschiebende Lösungen: dass »aus Gründen der Lesbarkeit« nur männliche Formen genutzt werden, Frauen aber mitgemeint seien, stellt ebenso wie das generische Femininum Sachverhalte schlicht falsch dar und verbietet sich daher. Partizipalformen wie »Lernende« und »Lehrende« sind zwar praktisch (weil Doppelnennungen vermieden werden können), allerdings assoziierten Zuhörer_innen oder Leser_innen trotzdem eher männliche Personen. Schrägstrich- oder Klammerformen (z. B. Schüler/in, Professor(inn)en) nennen die weiblichen Formen nicht gleichbedeutend zu den männlichen. Schließlich wird auch die Verwendung des »man« kritisiert; die Autor_innen schlagen vor, es durch Passivkonstruktionen oder direkte Anreden zu ersetzen. Ersteres aber ist stilistisch unschön (und Wolf Schneider würde wütend korrigieren), Letzteres unproblematisch.

Im achten Kapitel finden Sie dann die »Argumentationshilfen für antidiskriminierende Sprachhandlungen«, die sicher auch auf Deine Einwände das passende Gegenargument bereithalten.

Insgesamt halte ich den Ansatz der Reflexion und Lösungssuche für wertvoll. Für mich habe ich praktikable Lösungen gefunden (Unterstrich in der schriftlichen, Benennung beider Geschlechter in der mündlichen Kommunikation), die nicht der Weisheit letzter Schluss, aber ein guter Kompromiss zwischen Negierung des Problems und Ausleben praxisuntauglicher Kreativität zu sein scheint.

Am Beruflichen Gymnasium haben wir leider kein sprachbezogenes Korridorthema fürs Abitur; an den allgemeinbildenden Gymnasien ist dies anders. Hier könnte die Broschüre gut auch im Unterricht zur Auseinandersetzung mit dem Thema genutzt werden – sie ist, wie schon erwähnt, nicht nur als PDF zu haben, sondern auch in gedruckter Form kostenlos bestellbar.

Diskussionsveranstaltung »Fehlerquotient: Nachteil und Nutzen«.

In Schleswig-Holstein gibt es seit Ende 2014 neue Fachanforderungen im Fach Deutsch, die unter anderem eine leicht veränderte Regelung im Hinblick auf die Bewertung von Fehlern im Bereich der Sprachrichtigkeit (Orthografie, Interpunktion, Grammatik) mit sich bringen. Dies haben wir im Fachverband Deutsch, der Gruppe der Lehrkräfte im Deutschen Germanistenverband, zum Anlass genommen, eine Diskussionsveranstaltung zum Thema zu organisieren. Im Folgenden der Text der Einladung:

Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer in Schleswig-Holstein sind in ihrer Korrekturpraxis verunsichert, weil der Fehlerquotient, der viele Jahre lang zur Korrekturpraxis gehörte, verändert worden ist. Die Lehrkräfte fragen sich, wie sie die Sprachrichtigkeit künftig bewerten sollen. Das bildet den Anlass für ein vertiefendes Nachdenken darüber,
  • was die Korrekturpraxis bisher für die Transparenz der Notengebung, aber auch für die Weiterentwicklung der Sprachrichtigkeit bei den Lernenden geleistet hat,
  • welche Wege zu einer angemessenen, landesweit vergleichbaren, gerechten Bewertung der Sprachrichtigkeit führen,
  • wie die Kompetenz der Lernenden, richtig und gut zu schreiben, weiterentwickelt werden kann.

Das Ziel der Veranstaltung: Experten nehmen zu einzelnen Aspekten des Komplexes Stellung, so dass zahlreiche Faktoren thematisiert werden. In der sich anschließenden Diskussion sollen Handlungsimpulse entwickelt werden, die zu Korrekturgerechtigkeit und verbesserter Sprachkompetenz der Jugendlichen führen können.

Montag, 23. März 2015, 15.30–17.30 Uhr,
in Kiel, Käthe-Kollwitz-Schule, Paul-Fleming-Straße 1

Programm

  • Begrüßung
    • KKS-Schulleiterin OStD’ Susanne Schütz
    • die Landesvorsitzende des Fachverbands Deutsch Gabriele Knoop
  • Kurz-Statements auf dem Podium von Vertreter/innen des Ministeriums, des IQSH, von Lehrer- und Elternverbänden, der IHK und von Seiten der Schulleitung sowie von Lehrer/innen und Schüler/innen
  • Offene Diskussion
  • Konsequenzen und Resümee

Moderation: Arne Schumacher

Wir freuen über Ihre Zusage: GermanistenverbandSH@email.de

Sachtexte im Deutschunterricht – Beispielanalyse.

Zur Zeit arbeiten wir in meinem Deutschkurs des 11. Jahrgangs an der Sachtextanalyse. Hierzu haben wir begleitend einige Ausgaben der FAZ und der Zeit geschenkt bekommen, was für viele S die erste Begegnung mit einer überregionalen Qualitätszeitung ist.

Nach vielen stichwortartig ausgeführten Vorübungen ist irgendwann auch einmal ein ganzer Analyseaufsatz als Hausaufgabe zu schreiben, und damit die S neben eigenen Texten (Schreibkonferenz mit Rückmeldebogen) hinterher auch einmal einen Beispieltext lesen können, habe ich die Hausaufgabe auch erledigt11: In den Beispielen im Die-Zeit-Begleitmaterial Medienkunde werden zwar ebenfalls Argumentationsstruktur und sprachliche Gestaltung untersucht, leider allerdings immer nur abschnittsweise wie für eine vorbereitende Stichwortsammlung, sodass ein Beispiel eines ganzen Aufsatzes fehlt. – nicht ohne über die Entscheidung der S für einen so langen Text zu fluchen. Formal habe ich mich an den neuen Fachanforderungen orientiert.

Der zu analysierende Artikel Ulrich Greiners – »Schönheit muss man lernen« – findet sich inzwischen auch online – meine Untersuchung hier.

Greiners Artikel hat übrigens in der darauffolgenden Woche eine Antwort erhalten von Yascha Mounk: Allgemeinbildung ist überschätzt.

Charlie Hebdo.

Titelbild der LibérationIn einer Stundenreihe über Sachtexte, begleitet von der Zeit für die Schule, erarbeiten sich die S gerade Fertigkeiten der Textanalyse. Das nebenstehende Titelblatt der Libération war heute morgen der Ausgangspunkt unseres Unterrichtsgespräches über die Bedeutung der Pressefreiheit und -vielfalt.

Auf den Anlass hätte ich gern verzichtet. Aber den Anschlag aussparen kann man heute nicht.

Professor und Korrelation.

Kurz aus Klausurkorrekturen aufgetaucht. Den Artikel Hamburg stoppt WLAN an Schulen gelesen:

„Die Korrelation des Anstiegs von Überforderung, Kopfschmerzen, ADHS und psychischen Erkrankungen mit der wachsenden Nutzung der digitalen Medien ist besorgniserregend“, sagte der Ulmer Psychiater und Gehirnforscher Prof. Manfred Spitzer. Nach dem Stand der Wissenschaft sei deren Gesundheitsschädlichkeit eindeutig, die Belastung könne neben Konzentrationsstörungen auch zu Spermienschädigungen bis hin zu DNA-Strangbrüchen und damit zu Krebs führen. [Quelle, via Maiks Retweet]

(Damals bei Baumert das Wesen der Korrelation erfasst. Schüler_innen verstehen das Beispiel mit dem Schrumpfen von Storchpopulationen und dem Rückgang der Geburten (mancherorts korrelierend, aber eben nicht kausal verknüpft) auch recht schnell. Vielleicht sollte man Spitzer mal zu einer Nachschulung schicken? Mann, Mann, Mann …)

Lieber schnell wieder abgetaucht.

Frauenfiguren in der Literatur (gesucht).

Aus gegebenem Anlass: suche Literatur deutschsprachiger Autorinnen oder Autoren der letzten zehn Jahre, in denen gute Frauenfiguren mindestens eine wichtige Rolle spielen. Bechdel-Test wäre vielleicht auch mal auszuprobieren. Des Lehrplans wegen gern das Thema Jugend / Adoleszenz berührend. Muss auch schon als Taschenbuch lieferbar sein.

Nach BibTeX nun BibLaTeX.

In meinem Unterricht arbeite ich mit Material – Texte, aber auch Abbildungen – aus verschiedensten Quellen; das Unterrichten per Schulbuch habe ich nie so richtig geübt, und so müssen immer wieder Arbeitsblätter erstellt werden.

Für die Schülerinnen und Schüler (S) soll dabei erkennbar sein, woher das jeweilige Material stammt. Schließlich möchte ich, dass auch in ihren Referatpapieren oder abzugebenden Hausarbeiten Quellen belegt werden – das sollte aber sinnvollerweise auch vorgelebt werden. Vielleicht aber ist die eine oder andere Quelle auch über den kurzen im Unterricht behandelten Ausschnitt hinaus nachlesenswert (und ja: ich glaube an S, die entsprechend handeln). Außerdem signalisiere ich so, dass die »Wahrheiten«, die da vorne verkündet werden, keine offenbarten, sondern auch nur erarbeitete sind: der L also ebenso wie die S daran arbeitet, sein Wissen zu erweitern (passt natürlich auch ins erkenntnistheoretische Curriculum: »Wahrheit« als des Irrtums letzter Stand).

Die Arbeitsblätter erstelle ich mit LaTeX, für die Bibliografie habe ich bislang BibTeX genutzt. Letzteres funktioniert zwar noch, wird aber abgelöst durch BibLaTeX (per Paket biblatex), das deutlich flexibler an die Nutzerwünsche anzupassen ist – unter anderem, weil für Zitationen und die erstellte Bibliografie unterschiedliche Stile gewählt werden können.

Weil das Erstellen der Bibliografie im Hintergrund abläuft, muss in der Praxis wenig verändert werden. Statt an der Stelle, an der später die Bibliografie erscheinen soll, per

\bibliographystyle{alphadin}
\bibliography{/Users/name/Documents/Schule/Sonstiges/literaturdatenbank}


den Zitierstil und den Speicherort der eigentlichen Bibliografiedatei anzugeben, geschieht dies nun mit den Zeilen

\usepackage[backend=biber,style=alphabetic]{biblatex}
\addbibresource{/Users/name/Documents/Schule/Sonstiges/literaturdatenbank.bib}


in der Präambel (statt biber kann auch bibtex8 verwendet werden, wenn biber nicht installiert ist) und dem Befehl

\printbibliography

am gewünschten Ort.

Den Stil alphadin, den ich mit BibTeX nutzte, gibt es in BibLaTeX nicht, stattdessen nutze ich zunächst alphabetic. Michael Domhardts din wiederum, dessen Bibliografiestil mir weitgehend zusagt, erzeugt, auch wenn man ihn mit dem Zitierstil alphabetic nutzt, nicht die in den Zitationen gebildeten Kürzel, sodass die Zuordnung Zitationskürzel – Quelle nicht offenkundig ist. So passe ich alphabetic mit einigen Änderungen an den gewohnten Stil an:

Abkürzungen wie ISBN, URL, DOI etc. werden in der erzeugten Bibliografie mit kleinen Kapitälchen geschrieben. Das halte ich für falsch, da es sich um Abkürzungen handelt, die nun einmal in Majuskeln gesetzt werden sollten. Auf Nachfrage bekomme ich in de.comp.text.tex von Rolf Niepraschk den Tip, die Zeile

\renewcommand*{\mkbibacro}[1]{#1}

zusätzlich einzufügen. Das ist zum einen in der Präambel möglich, kann aber, da es sich ja um eine grundsätzliche Entscheidung handelt, auch in der Stildatei geändert werden.

So kann bei dieser Gelegenheit eine Kopie der originalen alphabetic.bbx, der Stildatei, im lokalen texmf-Baum (beim Mac in /Users/name/Library/texmf) angelegt und mit einem eigenen Namen (in meinem Fall alphabetic-h) versehen (und entsprechend in der .tex-Datei referenziert) werden.

Weitere Änderungen habe ich aus Michael Domhardts din.bbx übernommen:

\DeclareNameAlias{default}{last-first}

statt

\DeclareNameAlias{author|editor|translator}{default},

denn bei einer alphabetischen Sortierung der Bibliografie nach Nachnamen ist es auch sinnvoll, den Nachnamen zuerst zu nennen.

Außerdem soll ein Doppelpunkt statt des Punktes nach dem Namen des Autors stehen sowie der Nachname durch Kapitälchen markiert werden. Hierzu füge ich aus Michaels Datei ein:

\renewcommand*{\labelnamepunct}{\addcolon\addspace}

\AtBeginBibliography{%
\renewcommand*{\mkbibnamelast}[1]{\textsc{#1}}% Nachnamen bei Autoren und Herausgebern in Kapitälchen
\renewcommand*{\multinamedelim}{\mbox{ }\addspace\addsemicolon\addspace}% Spatium und Semikolon als Autoren- und Herausgebertrenner
\renewcommand*{\finalnamedelim}{\multinamedelim}% Spatium und Semikolon als Autoren- und Herausgebertrenner
}


Auf diese Weise habe ich jetzt einen BibLaTeX-Bibliografiestil, der weitgehend dem alten BibTeX-alphadin entspricht.

Dank an Rolf und Michael sowie die anderen TeX-Gurus, die mir geholfen haben zu verstehen (denn es gibt auch eine hervorragende Dokumentation des biblatex-Autors Philipp Lehman (sogar eine deutsche Übersetzung derselben von Christine Römer und ihren Studierenden), diverse Erläuterungen von Dominic Waßenhoven etc.).

Rundbrief 46 (2014).

Der neue Rundbrief des Fachverbandes Deutsch im Deutschen Germanistenverband – Landesverband Schleswig-Holstein/Hamburg ist, nachdem er unseren Mitgliedern Anfang der Sommerferien zuging, nun auch online verfügbar. Erstellt natürlich wieder mit LaTeX (und Scribus fürs Titelblatt).

(Meinerseits diesmal nur mit zwei kürzeren Artikeln, die ich zuvor schon in diesem Blog veröffentlichte, worauf ich im Rundbrief folglich auch in Randnoten hinweise, die ihrerseits wieder einen Link auf die Artikel enthalten – hier drohen sich seltsame Schleifen zu formen …)

Schwierige Literatur bei Flix.

Zum Lernfeldteil »Wertung von Literatur« bei den Buchhandelsauszubildenden, in dem wir uns zuletzt über Widerständigkeit von Literatur am Beispiel von Finnegans Wake unterhalten haben, gibt’s passende Nachbilder in Flixens Heldentagen, Folge 907.

Es sei (aber) auch noch einmal auf The Rights of the Reader hingewiesen.

Grass für Lehrkräfte.

Gestern abend fand in der Stadtbibliothek Lübeck eine vom Günter-Grass-Haus organisierte Veranstaltung statt: eine Fortbildung für Lehrkräfte zu Grass’ Novelle Im Krebsgang. Da das Buch für das Berufliche Gymnasium in Kürze Korridorthema (also für das Zentralabitur relevant) wird, kann es nicht schaden, sich schon mal ein bisschen ins Thema einzuhören, und so fanden sich auch ein Kollege und ich zum Lernen ein. Auch wenn ich kein Foto vom Autor habe (die anderen pausenlos Fotografierenden waren schon störend genug), sei hiermit versichert, dass die Veranstaltung stattgefunden hat und sowohl Autor als auch Zuhörende teilgenommen haben.

Zu Beginn las Grass den Anfang der Novelle vor, ein kleiner Einspielfilm zeigte eine Ahrensburger Schulklasse beim Autor zu Besuch und im Gespräch, dann führte Jörg-Philipp Thomsa, Leiter des Grass-Hauses, einen Dialog, in dem die zuvor aus dem Publikum gesammelten Fragen gestellt und zum Teil sehr ausführlich beantwortet wurden.

Grass zeigte sich die ganze Zeit launig und vergleichsweise positiv gestimmt, und die Bereitschaft, sich einem Publikum aus Lehrkräften auszusetzen, rechne ich ihm hoch an. Dass inhaltlich nicht viel Neues zu erfahren war, wenn man sich einmal auf die Behandlung der Novelle im Unterricht vorbereitet hat (und daher natürlich auch ein wenig drumherum liest), ist schade, aber ein Profi wie Grass kennt natürlich sowohl die zu erwartenden Fragen als auch die zurechtgelegten Antworten.

An einer Stelle ging er auf den Aspekt der Faszination von Kriegstechnik ein (die er als junger Mann auch verspürt habe) und verglich dies mit der heutigen Aufrüstung mit Drohnen – seien sie nun bewaffnet oder unbewaffnet. Hier drohten eben auch wieder neue mögliche Verbrechen.

Den Abschluss bildete die Lesung eines Gedichts, in dem Grass die vermeintlich überbordende Ratio der Schulbildung zurückwies und dem Anderen, Widerständigen, auch: Ungebildeten das Wort redete. Ob ich ihm darin so zustimmen kann, weiß ich nicht – mich beeindruckt Widerständigkeit und Andersartigkeit dann, wenn sie sich nicht auf das Gefühl beschränkt, sondern die Schärfe des Gedankens pflegt, klug ist im besten Sinne des Wortes. (Lichtenberg fällt mir hier ein.)

Insgesamt war die Veranstaltung im schönen Scharbausaal erfreulich; den Organisatoren sei ebenso wie dem Autor für die Bereitschaft zur Teilnahme gedankt.

Das Grass-Haus hat übrigens eine Lehrermappe verteilt, die auch als Download verfügbar ist. (Auf das Verzeichnis der Interpretationshilfen für Schülerinnen und Schüler sei ebenfalls verwiesen, auch wenn Grass darauf bestand, dass das Lesen des Buches am ehesten Erfolg verspreche.)

Gelesen. Lanier. (Und Friedenspreis.)

Jaron Lanier: Who Owns the Future? London: Penguin, 2013.

Lanier zu lesen ist deshalb lohnend, weil er gängige Mythen der Netzkultur hinterfragt. Notwendig wird dies einer gewissen saturierten Selbstgefälligkeit wegen, die vielen sich selbst als digital natives Begreifenden eigen zu sein scheint.

Angesichts der hier ja schon erwähnten Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels beispielsweise schreibt Jürgen Geuter

Der Friedenspreis für Jaron Lanier ist eine Kampfansage an das »Netz des Everybody«, das Internet der Kollaboration und der Crowds, das Netz, in dem dezentrale Gruppen Wissen und Kultur schaffen. Er ist eine Ablehnung von Ideen wie OpenSource und Crowdsourcing, eine Forderung der Rückbesinnung auf traditionelle Macht- und Produktionsstrukturen.

In dieser Einschätzung offenbart sich digitales Denken in Schwarz-weiß- bzw. An-aus-Schemata: wer Kritik an einzelnen Aspekten oder sichtbaren Folgen übt, sei damit ein Gegner jeglicher Netzaktivität. Das ist natürlich Unfug.

Lanier zeigt die wirtschaftlichen und sozialen Folgen von Digitalisierung auf: er sieht eben nicht (nur) die böse Musikindustrie, die jahrzehntelang die Künstler knebelte, bis die heroische Schar der Tauschbörsennutzer sie vollkommen uneigennützig befreite, sondern auch die Arbeitsplätze der Mittelschicht (in den Plattenfirmen selbst, aber auch im Vertrieb), die mit zurückgehenden Umsätzen schwanden. Wie in der Musikindustrie geschehen, sieht Lanier auch einen Großteil der anderen Arbeitsplätze von Digitalisierung und Automatisierung bedroht.

Für Crowdsourcing beispielsweise nennt Lanier auch gelingende Beispiele, beispielsweise die Kampagne von Amanda Palmer, die per Kickstarter für neue Projekte statt der erbetenen 100.000 US$ fast 1,2 Millionen US$ sammeln konnte – er verdeutlicht aber auch, dass wir nicht alle Amanda Palmer sind und bereits weniger extrovertierte Künstler (noch mehr natürlich der normale Bürger) im Kampf um die Aufmerksamkeitsökonomie zwangsläufig untergehen müssten.1 1: Jürgen Geuter bekommt auf ein Blogpost hin immerhin 748 € zusammen. Das kann man beachtlich finden (ist es), allerdings ist Geuter – verglichen mit dem normalen Bürger – extrem gut vernetzt. Muss ich wirklich erwähnen, dass es Lanier gleichwohl nicht um die Restituierung »traditionelle[r] Macht- und Produktionsstrukturen« geht?

Geuter sieht in der Verleihung des Preises an Lanier eine lächerliche Lobbyverlautbarung:

Vor allem ist er [der Preis] das laute Betteln, alles möge doch bitte endlich wieder werden wie früher.

Dies kann nur für denjenigen lächerlich sein, der gerade nicht vom Verlust seines (ggf. erst potentiellen) Arbeitsplatzes bedroht ist. Ich wirke an der Ausbildung von Buchhändlerinnen und Buchhändlern mit und darf am Beruflichen Gymnasium Jahr für Jahr hoffnungsvolle junge Menschen mit Abitur in die Welt entlassen. Nein, mein Arbeitsplatz ist nicht bedroht. Ich möchte aber, dass meine Auszubildenden, meine Schülerinnen und Schüler auch eine Perspektive entwickeln können, wo ihr Platz in der Gesellschaft ist. Und nein, es können nicht alle davon leben, dass sie sich mit dem Gadget ihrer Wahl ins nächste Café setzen und von dort aus wahlweise für nichts als die Ehre coden, für nix schreiben und für umme was auch immer Kollaboratives tun: von irgend etwas müssen wir leben!2 2: Ein weiterer Aspekt, der für Lanier als Vater wichtig ist, ist immer die Frage, ob Geld in der Menge fließt, dass in Familien Kinder aufwachsen können. Als nur für sich verantwortlicher allein Lebender hat man natürlich andere Prioritäten.

Was Lanier bei der Entwicklung von Technik als wichtig herausstellt, ist der auch langfristige Nutzen für den Menschen. Den begreift er als gefährdet, wenn die Entwicklung des Netzes und der durch dieses geprägten Kultur fortgesetzt wird wie bisher. Statt beispielsweise die Tendenz fortzusetzen, immer weniger Menschen für ihre zunehmend ins Digitale verlagerten Dienste zu bezahlen, sieht er es als notwendig an, dass die immer wieder angeführten »siren servers«, die zentralen Firmen im Netz, ihre Nutzer für ihre Daten und Inhalte bezahlen. Beispiel: Amazon ist meine erste Anlaufstelle im Netz, wenn ich mich mal kurz über ein mit unbekanntes Buch informieren will. Ich informiere mich dabei mittels Rezensionen, die andere Nutzer unbezahlt Amazon zur Verfügung gestellt haben, aber auch über Empfehlungen, die aus Daten über das Kundenverhalten errechnet wurden. Warum bezahlt Amazon die nicht?

Lanier reaktiviert und aktualisiert damit den alten arbeiterbewegten und gewerkschaftlichen Gedanken, dass eine Leistung, mit der Firmen Geld verdienen, auch angemessen entlohnt werden muss, damit die Leistungserbringer davon leben können.3 3: Wer das Prinzip noch nicht begriffen hat und ermessen möchte, wie weit zurück die Kritiker sind, mag noch einmal Zolas Germinal aus dem Jahr 1885 lesen. Es geht darum, dass nicht nur die Bergwerksbesitzer, sondern auch die Bergarbeiter gut leben können. Ob und wie dies geschehen muss, darüber ist zu diskutieren; darin aber nur ein Beharren alten Strukturen zu erkennen, zeugt von mehr als nur Kurzsichtigkeit. Immer wieder bezeugt Lanier seine Schwierigkeiten mit monopolartigen Strukturen, die sich im Netz zur Zeit sehr deutlich herausbilden und dabei enorme finanzielle Werte anhäufen, deren Unterpfand aber Daten sind, die sie bei unbezahlten Nutzern sammeln (»Your lack of privacy is someone else’s wealth« (99)).

Ein anderer Gedanke: bei Kristian Köhntopp las man früher, als er noch eine eigene Website hatte und nicht nur einen Account bei einem der Siren Servers, das Wesen der IT sei die Kopie. Bei Lanier erfahren wir (im Ted-Nelson-Kapitel, 213 ff.) durch einen Blick in die Computerhistorie, dass diese Selbstverständlichkeit ebenso wie Eigenheiten von Tim Berners-Lees HTML konzeptionelle Entscheidungen waren. Heute aber erschweren sie uns zum Beispiel die direkte Rückmeldung an den urheberrechtlichen Schöpfer. Beispiel: wir erstellen (wie viele andere auch) ein Mashup aus im Netz verfügbaren Videos und Musik. Zwei Möglichkeiten ergeben sich nun: der Schöpfer der ursprünglichen Werke bekommt dafür nichts, weil die Schöpfungshöhe des neuen Werks so hoch und der konkret genutzte Anteil so klein ist – oder aber er kann einen Richter davon überzeugen, dass es sich im eine Urheberrechtsverletzung handelt, sodass wir als Mixer hohe Strafzahlungen leisten müssen. Günstiger wäre möglicherweise ein Rückmeldungssystem, das kleine Summen, Micropayments, in dem Moment leistet, in dem das fremde Werk genutzt wird.

Und so fort. Lanier lesen bedeutet auch, sich einem assoziativen, mäandernden Stil anzuvertrauen, in dem Ideen nicht immer stringent und vielleicht nicht mal immer konsistent entwickelt werden: wir sehen hier einem kreativen Menschen4 4: Lanier ist Musiker. Wer nicht mindestens ein Instrument spielt, ist für Kritik disqualifiziert. :-) beim Denken zu. Und das kann auch mal in die Irre führen. Der Fehler der Gegner Laniers ist, dass sie ihn für ähnlich geistig unbeweglich halten wie sie selbst es möglicherweise sind: Lanier bietet keine fertigen Lösungen an, sondern in einem Diskussionsbeitrag neue Konzepte für eine sich verändernde Welt, in der der Wert des Menschen aber eben nicht ab-, sondern zunehmen soll: »humanistic information economy« nennt Lanier dieses Ziel.

Jürgen Geuter, der oben angeführte Kritiker, begreift den Menschen als »Knoten im sozialen Netzwerk«, der letztlich nicht Herr über seine Daten sein könne und solle. Lanier denkt in den letzten Sätzen seines Buches darüber nach, welches Leben seine Tochter einmal führen wird, und er wünscht sich ein für sie ein lebendiges Dasein: »fun and wild, […] radically wonderful, and unendingly so« (349) Hier stehen gegeneinander ein mechanistisches, konformistisches Einordnen, das den als normativ verstandenen Forderungen der Technikökonomie entspricht, und der Wunsch, die Technik möge das Hippieleben eher noch ein wenig großartiger machen. – Meine Wahl ist klar.

Buch bei Amazon angucken: englischdeutsch.