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Gelesen (und lesend): Proust. III.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. 3: Der Weg nach Guermantes. Übertragen von Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart: Reclam, 2014.

Seit einiger Zeit liegt hier als Gedächtnisstütze der dritte Band rum, obwohl ich ihn schon vor einer Weile las (aktuelle Lektüre – neben anderem – ist der vierte), aber bislang nicht zum Verbloggen kam. Ihn zu lesen fiel mir nicht immer leicht, und so einige Male gab es längere Lektürepausen (für andere Bücher), was einerseits an Vielzutun, vor allem aber am Buch selbst lag – hierzu gleich mehr.

»Der Weg nach Guermantes« enthält zwei nicht gesondert betitelte Teile, von denen der zweite wiederum in zwei ebenfalls nicht benannte Kapitel aufgeteilt ist. 800 Seiten lang, zuzüglich 158 Seiten Anmerkungen.

Des Erzählers Familie zieht um – und zwar in einen Flügel des Palais Guermantes. Die Veränderungen haben Folgen sowohl für die Familie als auch für die Dienstboten, gerade Françoise ist zunächst unzufrieden und sehnt sich nach Combray zurück. In der Schilderung ihrer Verfassung zeigt sich Proust als der Humorist, der er auch ist: in der Überzeichnung ihrer Sentimentalitäten wie auch ihrer Überwindung.

Marcel ist mal wieder verliebt, und zwar diesmal in die Herzogin von Guermantes; ausführlich werden seine Versuche, ihr zufällig zu begegnen, geschildert, aber auch seine Angst, diese Annäherungen könnten falsch verstanden werden.

Anlässlich eines Besuches bei Saint-Loup blickt der Erzähler in die Gepflogenheiten des Militärdienstes, zeichnet die Fragwürdigkeiten des Mätressenwesens. Als early adopter zeigt sich Marcel bezüglich der neuen Technik des Telefonierens1: 1: Einen anderen, nämlich Walter Benjamin, hatte ich hier einmal mit seinem Eindruck von der unheimlichen Technik zitiert.

[…] Wir müssen lediglich, damit dieses Wunder sich vollzieht, unsere Lippen dem magischen Plättchen nähern und – gelegentlich ein wenig zu lange, zugegebenermaßen – die Wachsamen Jungfrauen rufen, deren Stimmen wir jeden Tag hören, ohne dass wir sie je zu Gesicht bekommen, und die unsere Schutzengel in dem schwindelerregenden Dunkel sind, dessen Pforten sie eifersüchtig bewachen; die Allmächtigen, dank deren die Abwesenden an unserer Seite auftauchen, ohne dass man sie sehen darf; die Danaiden des Unsichtbaren, die unermüdlich die Urnen der Klänge leeren, sie füllen, sich weiterreichen; die ironischen Furien, die uns in dem Augenblick, in dem wir einer Freundin eine Vertraulichkeit zuflüstern in der Hoffnung, niemand könne uns hören, herzlos zurufen: »Ich höre Sie«; die stets zürnenden Dienerinnen des Mysteriums, die argwöhnischen Priesterinnen des Unsichtbaren, die Fräuleins vom Amt!

Und sobald unser Ruf in der Nacht voller Erscheinungen erklungen ist, der allein unsere Ohren sich öffnen, ein schwaches Geräusch – ein unwirkliches Geräusch – das der aufgehobenen Entfernung – und die Stimme des geliebten Menschen spricht zu uns.

Er ist es, seine Stimme ist es, die zu uns spricht, die zugegen ist.

Abgesehen davon, dass ich die Stelle schon um die Einleitung gekürzt habe, ist sie typisch für den Stil Prousts zwischen genauester Ausleuchtung des Phänomens an sich und der Reflexion und Einordnung des Ganzen, oszillierend zwischen leidendem Miterleben und ironischer Distanzierung, hier etwa durch die übertriebene Mythisierung des Geschehens und die viele Zeilen später erst nachgeschobene Auskunft

Doch leider fand an jenem Tage in Doncières das Wunder nicht statt.

Dieses Spiel lässt die Prosa Prousts leuchten (und die antiquarisch erworbene und parallel gelesene Proust-Monografie Ernst Robert Curtius’ nennt – wenn auch am Beispiel der alten Übersetzung – viele solcher Beispiele) – doch insgesamt war mir der Anteil an Salongespräch und hiermit verbundenen Beobachtungen dieses Mal einfach zu hoch, wenn auch von vereinzelten grauenhaften Geschehnissen berichtet wird, etwa dem Tod der geliebten Großmutter nach einem Schlaganfall. Vielleicht passt die Lektüre auch einfach nicht in den Sommer.

Mit dem Besuch bei de Charlus, bei dem dieser dem irritierten Marcel eine Szene macht, schließt der Band schon fast – diese ist auch schon ein Hinweis auf den nächsten Band: dieser, der vierte – Sodom und Gomorrha –, ist schon begonnen, und es sei hier verraten: er beginnt gleich mit einem Paukenschlag!

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ats20.de am : Gelesen (und lesend): Proust. IV.

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Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. 4: Sodom und Gomorrha. Übertragen von Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart: Reclam, 2015. (Schon vor einigen Wochen beendet, aber noch keine Zeit zum Verbloggen gefunden.) Technische Daten des vierte

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