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Geschlechtergerechte Sprache in der Schule.

Bei Gelegenheit bin ich über einen Link gestolpert, der auf die zweite Auflage des Was tun? – Leitfadens zu antidiskriminierenden Sprachhandlungen der AG Feministisch Sprachhandeln der Humboldt-Universität zu Berlin verwies. Diesen kann man nicht nur herunterladen, sondern auch in gedruckter Form kostenlos bestellen.

Als Deutschlehrer habe ich dafür zwei Gründe: zum einen geht es um Sprache und ihren Gebrauch – das trifft das fachliche Interesse –, zum anderen geht es um auch im Unterricht bewusst zu gestaltendes Sprachhandeln, konkret für mich die Frage: wie kriege ich es hin, in der Schule einerseits möglichst wenig diskriminierend, andererseits aber auch möglichst verständlich zu kommunizieren? – Da kam der Leitfaden gerade recht.

Er ist über weite Strecken angenehm offen gehalten. Die Absicht, zunächst mal – wie es im »Benutzungshinweis« auf S. 3 formuliert ist – einen »Anstoß zum Nachdenken über die unterschiedlichen Formen von Sprachgebrauch«11: Gemeint ist hier an der Universität, ich halte allerdings die Art der Institution für weitgehend irrelevant. zu geben, wird voll erfüllt, ohne (ich gebe es zu, das war meine Befürchtung) zu sektiererisch eine bestimmte Form des Sprechens zu fordern. Es geht darum, Bewusstsein zu schaffen, über Kommunikation im allgemeinen und Sprache und ihre Bedeutung im speziellen zu reflektieren. Viel schöner formulieren das die sprachbezogenen Anteile unserer Lehrpläne auch nicht.

Auf ein paar der Teile des Leitfadens möchte ich kurz eingehen – Leser_innen mögen die Onlineversion nutzen, um mitzulesen und ihre Eindrücke zu vergleichen.

Im ersten Kapitel, »Sprachhandlungen und Veränderungen«, sammeln die Autor_innen vielfältige Reflexionsansätze, die sich immer mit Sprache, aber eben auch der Person, die Sprache nutzt, sowie ihrem Umfeld, in und mit dem Kommunikation stattfindet, beschäftigt. Es wird verdeutlicht, dass wir mit Sprache Zuschreibungen vornehmen und dabei im Regelfall von unserer Vorstellung von Normalität ausgehen (Beispiel: wir sagen »der blinde Mitarbeiter«, nicht aber »der sehende Mitarbeiter«), was im Leitfaden als mindestens potentiell diskriminierend markiert wird, weil Ausdrücke dieser Art normierten und damit auch ausgrenzten. – Ob eine solche Benennung in jedem Fall problematisch oder aber durchaus sinnvolle Praxis ist, wäre zu diskutieren. Ich sehe dies solange als unproblematisch an, solange diese Zuschreibungen nicht pejorativer Natur sind: nicht jede Differenzierung ist eine Diskriminierung.

In einer Situationsbeschreibung wie dieser –

um z.B. gehbeHinderte Personen nicht mit der allgemeinen Aufforderung zu diskriminieren, bei der persönlichen Vorstellung aufzustehen, oder im Ankündigungstext eines Seminars implizit davon auszugehen, dass alle Seminarteilnehmer*innen den Beitrag für die obligatorische Exkursion ohne Probleme aufbringen können. [Leitfaden, 13]

– wird deutlich, worum es mir auch gehen kann, wenn ich versuche, mich adäquat auszudrücken: um Taktgefühl und Höflichkeit, die in der Wahrnehmung Aufmerksamkeit und Empathie erfordern.

Bereits in diesem ersten Abschnitt übrigens verwenden die Autor_innen nicht allgemein bekannte Bezeichnungen und Markierungen als Termini (»ableisieren«, »empowern« etc.); die meisten werden im Glossar im Anhang erklärt.

Im zweiten Kapitel, »Sprachformen im Überblick«, wird eine Tabelle möglicher Sprachformen gezeigt, die nach der allgemein gehaltenen Einleitung deutlich auf die Geschlechter-/Gender-Problematik22: Hiermit wird unterschieden zwischen dem biologischen Geschlecht und der »sozialen, gesellschaftlich konstruierten oder psychologischen Seite des Geschlechts einer Person«. (Danke, Wikipedia.) zugeschnitten sind. Der Deutschlehrer freut sich an dieser Stelle über die Synopse.

In den anschließenden »Entscheidungshilfen zur Auswahl von Sprachformen« vertreten die Autor_innen die Ansicht, eine wirklich alle einschließende Anspracheform gebe es nicht, stattdessen sei es notwendig, immer wieder neu das Sprachhandeln zu reflektieren und kreativ neu zu gestalten. Hierzu werden zunächst Fragen gesammelt, die ich mir im Hinblick auf einen konkreten Sprachanlass stellen kann, um einerseits meine Motivation und andererseits die Interessen der Adressat_innen, der an der Kommunikation Teilnehmenden zu analysieren.

Das vierte Kapitel, »Formen antidiskriminierender Sprachhandlungen«, stellt dann die in der Tabelle vorgestellten Handlungsweisen vor. Ich nenne sie hier kurz – inklusive meiner Einschätzungen in Bezug auf die schulische Praxistauglichkeit, unterschieden nach mündlicher und schriftlicher Kommunikation. (Dabei sei darauf hingewiesen, dass alle meine Schüler_innen mindestens den 11. Jahrgang des Beruflichen Gymnasiums besuchen, im Regelfall also mindestens 16 Jahre alt sind; der überwiegende Teil ist volljährig.)

x-Form und *-Form
Dx Schülerx hat in xm Vortrag geglänzt! – Diese Form soll als möglichst neutrale Form alle Arten der Gender-Festlegung umgehen. Das klappt – ansonsten erfüllt sie im Wesentlichen den Zweck des Reflexionstriggers, der jedoch den Transport der inhaltlichen Information deutlich behindert. Im Schulalltag nicht zu gebrauchen.
Dynamischer Unterstrich
We_lche Schül_erin ist mit i_hrem Referat fertig? Sie_r soll sich melden. – Diese Form soll auf das Problem hinweisen, dass wir im Regelfall zweigendern, also davon ausgehen, dass die Differenzierung in weiblich und männlich eine hinreichend genaue Art der Beschreibung von Gender-Identitäten ist. Das Wandern des Unterstrichs symbolisiere dabei die gewünschte Dynamik der Genderwahrnehmung. – Nudge, nudge!: ein Finde-den-Unterstrich-Spielchen mag interessant sein, nervt aber ein wenig, wenn ich einen Text lesen möchte. Das unmotivierte Hin- und Herspringen ist natürlich fein auffällig, aber im Schulalltag nicht zu gebrauchen. Ähnliches gilt für den aus diesem Grunde hier nicht genauer betrachteten Wortstamm- oder Silbenunterstrich.
*-Form II oder statischer Unterstrich
Die Schüler_innen gingen in die Mensa. – Alle bislang behandelten Formen funktionieren im wesentlichen in schriftlicher Kommunikation. In dieser steht das Sternchen aber häufig für Fußnoten, was Missverständnisse wahrscheinlich macht, daher ist die von mir bevorzugte Form momentan der auch gender gap genannte Unterstrich. Diese Form thematisiert die Problematik binärer Setzungen33: Kurz: die Annahme, es gebe älter werdende Jungs und Mädchen in der selben polaren Zuverlässigkeit, in der die Hebamme im Regelfall (!) das biologische Geschlecht des gerade geborenen Kindes verkündet., ohne allerdings zu aufdringlich zu werden. Ästhetisch sensible Gemüter wird die aus typografischen Gründen als zu groß empfundene Lücke entsetzen; hier bleibt zu hoffen, dass beizeiten nicht nur unnötige Glyphen wie das große ß (ẞ), sondern auch in dieser Angelegenheit nützliche Zeichen wie der halbe Unterstrich erfunden werden. Problem dieser Form: zwar gut schreib-, aber nicht sprechbar.
Generisches Femininum bzw. umfassende Frauisierung
In der Lehrerkonferenz treffen sich alle Lehrerinnen der Schule. – So wie häufig gemeint wird, mit dem Wort »Lehrer« spreche man Männer und Frauen an, kann mithilfe der Umkehrung heilsame Irritation erzeugt werden. Schüler_innen gegenüber ebenso wie im Gespräch mit Kolleg_innen. Ansonsten ist diese Form natürlich ebenso falsch wie das generische Maskulinum.
a-Form
Da Schüla tippt auf dem Computa. – Die mit dieser Variante von den Initiator_innen gewünschte stärkere Feminisierung der Sprache dürfte eher als unangemessen stark dialektal gefärbt empfunden werden und ist im orthographischen Sinne arg kontraproduktiv. – Kreativität ist eben nur möglich, wenn auch Unsinn gedacht werden darf.
Binnen-I und ZweiGenderung
Kennen die LeserInnen aus der taz. – Im Grunde eine einfachere Variante des statischen Unterstrichs ohne dessen Vorteil der Andeutung der möglichen Varianten zwischen den Extrempolen.

Die Überschrift des fünften Kapitels – »Reflexionsübungen zu eigenen Normalisierungs-Vorstellungen« – verdeutlicht schon seinen Zweck.

Im sechsten Kapitel, »Anreden, Komposita und was sonst noch wichtig ist« wird die Problematik des Wunsches aufgezeigt, möglichst alle Anwesenden gleichermaßen anzusprechen. Nutzen wir aber beispielsweise die Anrede »Liebe Schülerinnen und Schüler«, zeigen wir in der binären Benennung wieder nur die häufigsten Extrempunkte auf. Dies ist aber immerhin besser als gar keine Bemühung um gleichartige Erwähnung. Die Wahl von pseudogenerischen Wortformen (»Lehrkraft« statt »Lehrerinnen und Lehrer« oder gar »Lehrer«) mag in einigen Fällen ein Ausweg sein. Dass politische oder gesellschaftliche Sachverhalte dabei unreflektiert bleiben, wie die Autor_innen des Leitfadens meinen (vgl. S. 33), halte ich für unerheblich: nicht in jeder Situation kann die ganze Ungerechtigkeit der Welt mitgedacht werden; gerade in der Schule braucht es auch die Möglichkeit der Fokussierung auf ein Teilproblem.

Grundsätzlich kritisiert werden im siebten Kapitel, »Pseudo-antidiskriminierende Sprachformen und Formulierungen« weithin übliche, meist aber das Problem allenfalls verschiebende Lösungen: dass »aus Gründen der Lesbarkeit« nur männliche Formen genutzt werden, Frauen aber mitgemeint seien, stellt ebenso wie das generische Femininum Sachverhalte schlicht falsch dar und verbietet sich daher. Partizipalformen wie »Lernende« und »Lehrende« sind zwar praktisch (weil Doppelnennungen vermieden werden können), allerdings assoziierten Zuhörer_innen oder Leser_innen trotzdem eher männliche Personen. Schrägstrich- oder Klammerformen (z. B. Schüler/in, Professor(inn)en) nennen die weiblichen Formen nicht gleichbedeutend zu den männlichen. Schließlich wird auch die Verwendung des »man« kritisiert; die Autor_innen schlagen vor, es durch Passivkonstruktionen oder direkte Anreden zu ersetzen. Ersteres aber ist stilistisch unschön (und Wolf Schneider würde wütend korrigieren), Letzteres unproblematisch.

Im achten Kapitel finden Sie dann die »Argumentationshilfen für antidiskriminierende Sprachhandlungen«, die sicher auch auf Deine Einwände das passende Gegenargument bereithalten.

Insgesamt halte ich den Ansatz der Reflexion und Lösungssuche für wertvoll. Für mich habe ich praktikable Lösungen gefunden (Unterstrich in der schriftlichen, Benennung beider Geschlechter in der mündlichen Kommunikation), die nicht der Weisheit letzter Schluss, aber ein guter Kompromiss zwischen Negierung des Problems und Ausleben praxisuntauglicher Kreativität zu sein scheint.

Am Beruflichen Gymnasium haben wir leider kein sprachbezogenes Korridorthema fürs Abitur; an den allgemeinbildenden Gymnasien ist dies anders. Hier könnte die Broschüre gut auch im Unterricht zur Auseinandersetzung mit dem Thema genutzt werden – sie ist, wie schon erwähnt, nicht nur als PDF zu haben, sondern auch in gedruckter Form kostenlos bestellbar.

Gelesen. Baru.

Baru: Die Sputnik-Jahre. Übertragen von Martin Budde. Berlin: Reprodukt, 2012.

(Sammelband der ursprünglich drei Einzelbände über eine Fünfziger-Jahre-Kindheit in einem lothringischen Industriestädtchen, von denen ich weiland nur den ersten las.)

Gelesen. Flao.

Benjamin Flao: Kililana Song. Erster Teil: Eine Kindheit in Kenia. Übertragen von Resel Rebiersch. Hamburg: Schreiber & Leser, 2012.

Kililana Song. Zweiter Teil: Liongos Lied. Übertragen von Resel Rebiersch. Hamburg: Schreiber & Leser, 2013.

Gelesen. Dobyčin.

Leonid Dobyčin: Die Stadt N. Übertragen von Peter Urban. Berlin: Friedenauer Presse, 2009.

Das Ziel des von Katharina Wagenbach-Wolff geleiteten Verlages:

Lyrik, Essays und Romane den Lesern zugänglich zu machen und dem Vergessen zu entreißen, die Leser auf bisher nicht übersetzte und veröffentlichte Werke, oftmals aus dem Russischen, aufmerksam zu machen sowie eine sorgfältige Buchgestaltung, ohne den Anspruch, Luxusprodukte herzustellen. [Verlagsseite]

Das ist gelungen. Das Büchlein ist eine wunderbar sorgfältige (gut gesetzter fehlerfreier Text, ausführlicher Anmerkungsteil zu inhaltlichen und übersetzungstechnischen Fragen, Daten zu Leben und Werk, Nachwort, Anmerkungen zum Nachwort) und schöne (Einbandpapier, Lesebändchen, Fadenheftung) Ausgabe eines lange verschollenen Werkes in Ungnade gefallener moderner russischer Literatur, in dem aus der beschränkten Perspektive eines Halbwüchsigen städtisches Leben erzählt wird.

»Ich lese viel. Zweimal habe ich schon ›Dostoevskij‹ durchgelesen. Worin er mir gefällt, Serge, ist, daß er mir so viel zu lachen gibt.« [Ebd., 84]

Ha!

Buch bei Amazon angucken.

Prantl statt Frontex.

Wenn der wichtigste Aspekt des 10-Punkte-Plans der EU-Kommission die Aufstockung der Frontex darstellt, die für Abwehr der Flüchtlinge (»Sicherung der Außengrenzen«), nicht aber für ihre Rettung zuständig ist, dann ist das natürlich der falsche Weg.

Es sei daran erinnert, dass wir die ganze Diskussion schon mehr als einmal erlebt haben. Deshalb gibt es den lesenswerten Artikel (»Die Rettung«), den Heribert Prantl im letzten Jahr geschrieben hat und der jetzt vermutlich irgendwo im SZ-Archiv verschimmelt, auch schon längst. Dieser enthielt einen alternativen 10-Punkte Plan, der zum Beispiel hier dokumentiert ist und den man jetzt einfach umsetzen könnte.

Gelesen (und lesend). Proust. II.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. 2: Im Schatten junger Mädchenblüte. Übertragen von Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart: Reclam, 2014.

Für den zweiten Band brauchte ich ein wenig länger als für den ersten (bei einem längeren Leseprojekt sind ja immer auch andere Lektüren zu bedenken; zudem ist mir bewusst geworden, dass die Beschleunigung des Lesers nicht auch die des Übersetzers nach sich zieht: für 2015 ist zwar noch Band 4 angekündigt, folgende Bände oder gar der Abschluss der Projektes sind allerdings noch nicht absehbar), aber nun ist er mit seinen über 700 Seiten (plus Anmerkungen) bewältigt.

»Im Schatten junger Mädchenblüte« enthält zwei Teile: »In der Welt von Madame Swann« und »Ländliche Namen: Das Land«.

Im ersten Teil wird die Emotionalität von Erwartung und Erfüllung ausgebreitet, letztere allzuoft die Enttäuschung beinhaltend: die schwärmerische Begeisterung für die Sängerin Berma, für den Autor Bergotte, letztlich auch für Gilberte, die erste Liebe Marcels, die er sich, kaum genossen, mühsam wieder abgewöhnt, weil sie ihn nicht in dem Maße zu lieben scheint wie er sie. Dass in biographischer Lesart die Frauenfiguren der Liebschaften Marcels – man beachte den androgyn ambivalenten Klang der Namen – wohl eher als Männer vorgestellt werden müssen, ist dabei ganz unerheblich. Im Zentrum stehen wie stets die Gefühle.

Der zweite Teil zeigt Marcel im Seebad Balbec inmitten eines Kreises von mehr oder weniger guten Bekannten und Freunden – Saint-Loup, Bloch – in gelangweilter Zerstreuung. Nach Gesang und Literatur ist nun die Malerei in Person Elstirs Thema für Marcel; hier knüpft er nun auch eine Verbindung zu Albertine, die er zuvor schon in einer Gruppe alberner Backfische wahrgenommen hatte. Fast kommt es zum Kuss! – Eine weitere Freundin (sind sie nicht alle irgendwie ähnlich?): Andrée.

Das Leben der Décadence erfasst Proust dabei in allen Facetten; die andere Sicht auf Welt wird zwar selten thematisiert, bleibt aber nicht unbemerkt, zum Beispiel wenn das Hotel beschrieben wird,

wo die elektrischen Quellen Fluten von Licht durch den großen Esssaal branden ließen, der wie zu einem riesigen, wundersamen Aquarium wurde, vor dessen gläserner Wand sich die arbeitende Bevölkerung von Balbec, die Fischer und auch die Kleinbürgerfamilien, unsichtbar im Dunkel an die Scheiben drückte, um das langsam von den goldenen Strömen gewiegte Luxusleben dieser Leute zu betrachten, das für die Armen ebenso fremdartig war wie exotische Fische oder Mollusken (eine bedeutende soziale Frage, ob die gläserne Wand auf Dauer das Gelage der wundersamen Bestien schützen wird und ob nicht die Schattengestalten, die gierig in der Nacht zuschauen, kommen werden, um sie in ihrem Aquarium einzufangen und aufzuessen). [Ebd., 348]

Habe derweil schon den Weg nach Guermantes eingeschlagen.