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Gelesen. Wolf.

Christa Wolf: Kein Ort. Nirgends.

(Im antiquarisch erworbenen von Gerhard und Christa Wolf gemeinsam herausgegebenen Band Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht. Projektionsraum Romantik. Frankfurt am Main: Insel, 2008.)

Die Bettine will sich, so scheint es, irgend etwas aus dem Pompadour der Günderrode nehmen. Ungeschickt. Sie läßt ihn fallen, etwas Blitzendes rutscht heraus, gleitet über das glatte Parkett. Sehr seltsam: ein Dolch. Kleist, geistesgegenwärtig, hebt die Waffe auf, reicht sie der Günderrode.

Ein kurioses Instrument, mein Fräulein, im Puderbeutel einer jungen Dame.

Kurios? Vielleicht. Mir kommt es ganz natürlich vor. [Ebd., 157]

Flüchtlinge – #bloggerfuerfluechtlinge

Früher


In der vierten Klasse saß ich neben meinem besten Freund R*. Seine Eltern hatten ihn nach einer wichtigen Stadt des nahöstlichen Landes benannt, aus dem sein Vater geflohen war. Schräg gegenüber saß N*. Sie zwar zweifelsohne eines der schönsten Mädchen der Klasse, und natürlich habe ich mich aus der Ferne gleich in sie verliebt. Ihre Eltern kamen aus der Türkei und waren der Arbeit wegen nach Deutschland gekommen. Selten spielte ich auch mit D*. Während das Deutsch R*s und N*s akzentfrei war, klang D* anders, und so fragte ich ihn einmal, wie lange er schon hier in Deutschland sei. Seine irritierte Reaktion auf diese Frage bedeutete mir, dass ein süddeutscher Dialekt kein sicherer Hinweis auf ausländische Herkunft ist.

Während ich in einem älteren Viertel des Stadtteils lebte, wohnten die meisten anderen Kinder in einem nach inzwischen polnischen Gebieten benannten Straßenzügen. Sie hießen Masurenring, Pillauer Straße oder ähnlich und hielten damit die Erinnerung an eine Flucht aufrecht, die die Kinder allenfalls aus Erzählungen ihrer Eltern oder Großeltern kannten.

Schon vor der ersten Klasse übrigens hatte ich gelernt, dass Angst vor bestimmten großen Kindern durchaus berechtigt ist und man ihnen besser aus dem Weg geht. Welcher Nationalität sie oder ihre Eltern oder ihre Elterneltern waren, war dabei vollkommen schnuppe – es waren die aggressiven Kinder, häufig nicht besonders helle, aber bullig auftretend, die mich zuweilen lieber Umwege machen ließen.

Heute


Jeden Tag wird in den Nachrichten über ein weiteres Verbrechen des braunen Terrorismus berichtet: Brandanschläge auf geplante Flüchtlingsheime, Angriffe gegen schon bewohnte Unterkünfte und die sie schützenden Polizist_innen und andere Übergriffe. Der Terror, den die rechten Banden dabei ausüben, ist eine Gefahr für Leib und Leben der Bedrohten, aber auch eine Gefahr für unser Gemeinwesen. Wer hier auch nur an Rechtfertigung denkt, hat ein ernsthaftes Problem.

Wir leben in einem reichen und friedlichen Land. Die Menschen flüchten zu uns, weil sie hier sicher sind vor Leid aller Art, das sie in ihrem Heimatland erdulden mussten. Das Gebot der Nächstenliebe, des Einstehens für die Schwächeren, dürfte allen Menschen vertraut sein, die nicht vollends verroht nur ans eigene Raffen denken – welche Erlebnisse führen stattdessen zur Entstehung einer egozentrischen, narzisstischen, selbstmitleidigen, rassistischen Persönlichkeitsschwundstufe, die in der Lage ist, einen Brandsatz in ein Flüchtlingsheim zu werfen (oder dies gut zu heißen)?

Trotz dieser Geschehnisse in Heidenau und anderswo,11: Vergleiche zum Beispiel die Übersichtskarte hier, unten. die sich – inklusive der Zurückhaltung der Polizeiplaner gegenüber rechter Gewalt – in ein lange bekanntes Muster einordnen lassen, habe ich ein eher gutes Gefühl, was die Reaktion des größeren Teils der Bürger_innen und Bürger angeht. Die Schlagzeilen über die Gewalttaten sind das eine – das andere ist eine große Hilfsbereitschaft bei vielen, vielen ehrenamtlichen Helfer_innen, die zum Teil zum ersten Mal überhaupt oder wieder einmal Unterstützung für Flüchtlinge vor Ort leisten – sei es durch Bereitstellung von Lebensmitteln, Spielzeug, Fahrrädern, Kinderwagen, durch das Erteilen von Sprachunterricht, durch das Vermitteln zwischen Behörden und Flüchtlingen oder was auch immer. Manchmal ist es einfach Offenheit und eine hier ganz positiv verstandene Neugierde, die Menschen dazu bringt, aufeinander zuzugehen. Auch die Verwaltungen in Gemeinden und Kommunen arbeiten zum Teil mit großer Kreativität und Tatkraft daran, Flüchtlingen möglichst schnell Unterkünfte und Wohnungen zuweisen zu können.

Wir haben gemeinsam viele Schwierigkeiten zu meistern, aber – hey: wir sind nicht diejenigen, die flüchten müssen. Unser Zuhause ist nicht bedroht. Vielmehr dürfen wir denen helfen, die alles verloren haben.

– Joko und Klaas kenne ich nicht wirklich, weil wir kein Privatfernsehen empfangen und ich wohl auch nicht zur Zielgruppe gehöre. Aber ihr Video [via] ist ein sehenswertes, das ein paar Dinge ganz gut auf den Punkt bringt.


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(Man könnte zu diesem großen Thema noch lange weiterschreiben. Aber ich muss noch rasch eine Überweisung tätigen und dann wieder Elixiere des Teufels lesen: in der Schule ist Romantik angesagt …)

Gelesen (und lesend): Proust. III.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. 3: Der Weg nach Guermantes. Übertragen von Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart: Reclam, 2014.

Seit einiger Zeit liegt hier als Gedächtnisstütze der dritte Band rum, obwohl ich ihn schon vor einer Weile las (aktuelle Lektüre – neben anderem – ist der vierte), aber bislang nicht zum Verbloggen kam. Ihn zu lesen fiel mir nicht immer leicht, und so einige Male gab es längere Lektürepausen (für andere Bücher), was einerseits an Vielzutun, vor allem aber am Buch selbst lag – hierzu gleich mehr.

»Der Weg nach Guermantes« enthält zwei nicht gesondert betitelte Teile, von denen der zweite wiederum in zwei ebenfalls nicht benannte Kapitel aufgeteilt ist. 800 Seiten lang, zuzüglich 158 Seiten Anmerkungen.

Des Erzählers Familie zieht um – und zwar in einen Flügel des Palais Guermantes. Die Veränderungen haben Folgen sowohl für die Familie als auch für die Dienstboten, gerade Françoise ist zunächst unzufrieden und sehnt sich nach Combray zurück. In der Schilderung ihrer Verfassung zeigt sich Proust als der Humorist, der er auch ist: in der Überzeichnung ihrer Sentimentalitäten wie auch ihrer Überwindung.

Marcel ist mal wieder verliebt, und zwar diesmal in die Herzogin von Guermantes; ausführlich werden seine Versuche, ihr zufällig zu begegnen, geschildert, aber auch seine Angst, diese Annäherungen könnten falsch verstanden werden.

Anlässlich eines Besuches bei Saint-Loup blickt der Erzähler in die Gepflogenheiten des Militärdienstes, zeichnet die Fragwürdigkeiten des Mätressenwesens. Als early adopter zeigt sich Marcel bezüglich der neuen Technik des Telefonierens1: 1: Einen anderen, nämlich Walter Benjamin, hatte ich hier einmal mit seinem Eindruck von der unheimlichen Technik zitiert.

[…] Wir müssen lediglich, damit dieses Wunder sich vollzieht, unsere Lippen dem magischen Plättchen nähern und – gelegentlich ein wenig zu lange, zugegebenermaßen – die Wachsamen Jungfrauen rufen, deren Stimmen wir jeden Tag hören, ohne dass wir sie je zu Gesicht bekommen, und die unsere Schutzengel in dem schwindelerregenden Dunkel sind, dessen Pforten sie eifersüchtig bewachen; die Allmächtigen, dank deren die Abwesenden an unserer Seite auftauchen, ohne dass man sie sehen darf; die Danaiden des Unsichtbaren, die unermüdlich die Urnen der Klänge leeren, sie füllen, sich weiterreichen; die ironischen Furien, die uns in dem Augenblick, in dem wir einer Freundin eine Vertraulichkeit zuflüstern in der Hoffnung, niemand könne uns hören, herzlos zurufen: »Ich höre Sie«; die stets zürnenden Dienerinnen des Mysteriums, die argwöhnischen Priesterinnen des Unsichtbaren, die Fräuleins vom Amt!

Und sobald unser Ruf in der Nacht voller Erscheinungen erklungen ist, der allein unsere Ohren sich öffnen, ein schwaches Geräusch – ein unwirkliches Geräusch – das der aufgehobenen Entfernung – und die Stimme des geliebten Menschen spricht zu uns.

Er ist es, seine Stimme ist es, die zu uns spricht, die zugegen ist.

Abgesehen davon, dass ich die Stelle schon um die Einleitung gekürzt habe, ist sie typisch für den Stil Prousts zwischen genauester Ausleuchtung des Phänomens an sich und der Reflexion und Einordnung des Ganzen, oszillierend zwischen leidendem Miterleben und ironischer Distanzierung, hier etwa durch die übertriebene Mythisierung des Geschehens und die viele Zeilen später erst nachgeschobene Auskunft

Doch leider fand an jenem Tage in Doncières das Wunder nicht statt.

Dieses Spiel lässt die Prosa Prousts leuchten (und die antiquarisch erworbene und parallel gelesene Proust-Monografie Ernst Robert Curtius’ nennt – wenn auch am Beispiel der alten Übersetzung – viele solcher Beispiele) – doch insgesamt war mir der Anteil an Salongespräch und hiermit verbundenen Beobachtungen dieses Mal einfach zu hoch, wenn auch von vereinzelten grauenhaften Geschehnissen berichtet wird, etwa dem Tod der geliebten Großmutter nach einem Schlaganfall. Vielleicht passt die Lektüre auch einfach nicht in den Sommer.

Mit dem Besuch bei de Charlus, bei dem dieser dem irritierten Marcel eine Szene macht, schließt der Band schon fast – diese ist auch schon ein Hinweis auf den nächsten Band: dieser, der vierte – Sodom und Gomorrha –, ist schon begonnen, und es sei hier verraten: er beginnt gleich mit einem Paukenschlag!

London 2015 – Tag 8 (und Schluss).

2015-07-29_172152Vorher: Tag 1Tag 2Tag 3Tag 4Tag 5Tag 6Tag 7.

Der achte Tag heißt Abschied nehmen von einer uns vertraut gewordenen Wohnung. Da wir erst nach 15 Uhr fliegen, lassen wir uns mit dem Frühstück, Aufräumen, Packen und Wohnung Säubern viel Zeit, bevor wir uns dann zu Fuß wieder zur tube begeben.

Gepäck aufgeben, warten; Sicherheitskontrollen, die mich nie ein Freund des Fliegens werden lassen; wieder warten. Noch rasch für die Eltern einen Malt im Duty-Free-Shop und für uns selbst noch die eine oder andere Zeitschrift im Airport-Kiosk besorgen. Warten. Fliegen selbst: klar, kennt man, kein großes Ding, macht man lässig. Danach übrigens wiederholt wieder: warten (auf die Grenzkontrolle, aufs Gepäck, auf die S-Bahn).

Insgesamt: ein ereignisreicher Urlaub, allerdings – wie Städteurlaube immer – natürlich auch anstrengend. War fein, noch einmal zu viert unterwegs zu sein. Nach London – und auch in unsere Wohnung – bei Gelegenheit gern wieder!

London 2015 – Tag 7.

2015-07-28_164653Vorher: Tag 1Tag 2Tag 3Tag 4Tag 5Tag 6.

Der sechste Tag beginnt für mich mit einem Lauf zum Parliament Hill und den Parkland Walk entlang, einen schmalen Parkweg auf einer ehemaligen Bahntrasse, den Kind 1 am vorherigen Tag entdeckte (die Schlenker oben links auf der Route zeigen die Stelle, wo ich mich mal wieder rettungslos verlaufe und die Straße, die ich mir extra gemerkt hatte, suche, bevor ich dann doch wieder das Navi anwerfe).

Ansonsten lassen wir den Tag nach einem formidablen Frühstück gemächlich angehen und starten erst am frühen Nachmittag Richtung Themse. Herzallerliebste und Kinder werden nochmals in der Innenstadt ein paar Geschäfte besuchen und danach Kensington Gardens, ich möchte endlich einmal in die Tate Modern.

2015-07-28_150541Die Ausstellung moderner Kunst zeigt sich in einem früheren Ölkraftwerksbau, dessen damalige Turbinenhalle in ihrer nun eindrucksvollen Leere die Besucher_innen berührt und insbesondere Jüngere zum begeisterten Herumtoben animiert.

Ansonsten ist es natürlich großartig, Werke von Pablo Picasso, Wassilij Kandinsky, Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Nam June Paik, Joseph Beuys, Georg Baselitz und vielen anderen im Original zu sehen. In ehrfürchtiger Begeisterung schleiche ich von einem zum anderen. Außerdem beeindruckt haben mich die Bilder (beispielsweise dies) von Meredith Frampton, den ich bislang nicht kannte. Nach ein paar Stunden allerdings bin ich dann auch ausreichend kunstgesättigt, die Zeit des Treffens mit dem Rest der Familie steht an.

2015-07-28_164630Von der Millennium Bridge hat man nicht nur einen guten Blick auf die Tate Gallery, sondern auch auf Shakespeare’s Globe nur ein paar Meter weiter – auf dem Bild zu sehen im Ensemble von alt und neu (das Globe trotz des Altes nachbildenden Aufbaus ein neues Gebäude).

Die Karten für eine Aufführung haben wir schon vorab bestellt und holen sie noch rasch ab, bevor wir dann aber erst noch einmal zum frühen Abendessen und ein Pint Bitter ins The Old Kings’s Head verschwinden.

2015-07-28_190053Eine gute halbe Stunde vor Beginn stehen wir dann in der Schlange vorm Theater und es ist auch schon höchste Zeit. Beim Anstehen haben wir noch Zeit, die Warnschilder zu betrachten (und ggf umzukehren). Measure for Measure wird gegeben, in Selbsterkenntnis unseres Standes haben uns die Stehkarten fürs einfache Volk (für unschlagbare 5 £) – und nicht etwa Galeriekarten für feine Pinkel – besorgt, das Stück vorher zumindest in der Übertragung ins Deutsche gelesen (andere lassen es sich kurz zusammenfassen oder sehen ins Programmheft): wir sind vorbereitet.

Nicht allerdings auf das, was kommt: früh genug erschienen, steht nur eine Reihe anderer Zuschauer vor uns, wir also fast direkt mittig vor der Bühne. Kurz vor Beginn des eigentlichen Stücks wird eine burlesk-burschikose radauhafte Eingangsszene gespielt, die die einfachen Figuren der Komödie einführt. Dabei stürmen die Schauspieler durchs Publikum, brüllen und rasen, keifen und lachen, singen und schreien, wie es dem geplant furiosen Anfang entspricht. Spätestens jetzt weiß der_die geneigte Zuschauer_in: mit einem modernen Problemdrama hat dies nichts zu tun. Das Stück macht Laune, die Schauspieler sind hochprofessionell – jede kleine Geste, jeder Einsatz sitzt, und das Ensemble versteht es, das Publikum binnen Minuten von brüllendem Lachen zu Tränen des Mitgefühls zu führen.

Natürlich kann man spätestens zur Pause eigentlich nicht mehr stehen, doch trotz der körperlichen Anstrengung ist eine solche Aufführung ein echtes Erlebnis. Kind 1 kritisiert die zu platte Einführung (verständliche Kritik, weil etwas sehr brachial volkstümlich – Shakespeare selbst allerdings war ja in den Volkshandlung zeigenden Passagen auch eher deutlich anzüglich als dezent, insofern also passend); insgesamt aber empfehlen wir eine solche Aufführung unterm freien Himmel (nur die Feine-Pinkel-Plätze sind überdacht, was, wie Kind 2 meint, klasse ist, weil man während langweiliger Stellen dann mal in den dunkler werdenden Himmel blicken kann) als obligatorischen Bestandteil eines mehrtägigen Londonbesuches.

Zu Tag 8 (und Schluss).

London 2015 – Tag 6.

2015-07-27_123254Vorher: Tag 1Tag 2Tag 3Tag 4Tag 5.

Früh aufstehen ist angesagt, denn heute löst Kind 2 ein Geburtstagsgeschenk ein – einen Gang durch die Harry-Potter-Studios. Glücklicherweise darf ich mitkommen, sodass Kind 1 und die Herzallerliebste sich überlegen, den Tag stattdessen langsam angehen zu lassen und dann den abgebrochenen canal walk von Tag 3 wieder aufzunehmen.

Zu zweit nutzen wir nun also schon ganz routiniert die üblichen Wege – Bus bis zur Holloway Road Station, dann die tube, müssen einmal umsteigen, um zur Victoria zu gelangen, wo uns der Bus um 10 Uhr abholen wird: wir haben ein Komplettpaket gebucht, mit dem wir hin und zurück gebracht werden.

2015-07-27_133418Gut eineinhalb Stunden dauert die Fahrt bis zu den ehemaligen Studios der Warner Brothers, in denen sich die Aussicht vom innerstädtischen Trubel über vorstädtische Tristesse bis zur Industriebrache wandelt. In dieser Zeit kann man ein wenig über die Einnahmen der Filmfirma nachdenken, die angesichts der Eintrittspreise (für uns beide inklusive Hin- und Rückfahrt beispielsweise gut 120 £, also um und bei 170 €!) und der Massen an Besuchern exorbitant sein müssen – zu schweigen von den Umsätzen mit Merchandising-Produkten im dazugehörigen Shop. Das Känguruh würde sicher einiges dazu zu sagen haben. Doch ich freue mich lieber, dass ich Kind 2 begleiten darf, das nun, da wir angekommen sind auf einem Parkplatz im Nirgendwo vor den Toren Londons, schon ein wenig Aufregung spüren lässt.

2015-07-27_123446Die Eintrittskarten sind mit einem Timeslot versehen, in dem der Einlass möglich ist. Trotzdem müssen wir ein wenig warten, weil die Besucher in Schwüngen von um die 100 Personen eingelassen werden. Das steigert die Spannung, und man darf schon mal einen Blick auf Harrys Schrank unter der Treppe werfen. Die meisten der Besucher sind übrigens Erwachsene – und allenfalls die Hälfte haben ein oder mehrere Kinder zur Entschuldigung mitgebracht.

2015-07-27_123745Wir werden eingelassen. Zunächst in einen Vorsaal, in dem nach einer kurzen mündlichen Einführung des guides beidseitig eine Art Diashow mit Eindrücken aus den Filmen abläuft, dann in den Kinosaal, in dem ein Film gezeigt wird, in dem die Schauspieler_innen der drei Hauptcharaktere ihre Zeit in den Studios einordnen und dies immer wieder von besonderen Szenen aus den Verfilmungen ergänzt wird. Danach lässt die Tourleiterin ein Kind das Portal in die Große Halle öffnen – fertig eingedeckt für den Empfang der Schüler_innen Hogwarts’. Auch in diesem Teil erklärt der guide noch viele Details, bevor er uns alle dann in die Halle entlässt. Von hier an bewegen sich alle Besucher_innen individuell, wir können uns also beliebig viel Zeit für einzelne Ausstellungsstücke nehmen (für uns ist nur wichtig, dass wir den Bus in drei Stunden wieder erreichen). In den zwei Hallen verläuft sich die Menge der Besucherinnen glücklicherweise auch ziemlich.

2015-07-27_131656In den Hallen wird angesichts der Ausstellungsstücke Verschiedenes deutlich: man mag die Verfilmungen gegenüber den Büchern für vereinfacht halten (sie sind es zwangsläufig), das ganze Unternehmen ist ein kommerzielles und was derlei Kritikpunkte weitere sind – aber die Handwerker_innen, die diese Filme hergestellt haben, haben Außerordentliches geleistet. An keiner Stelle wurde geschludert, die kleinsten Details sind durchdacht und fast liebevoll umgesetzt.

In den Hallen sieht man Räume (beispielsweise den Schlafraum der Jungs, die Küche der Weasleys etc.) und Objekte aus den Filmen, Informationstafeln klären über Hintergründe und den Schaffensprozess auf, sodass der_die geneigte Betrachter_in auch abseits von Harry Potter viel über die Entstehung von Filmen lernen kann.

2015-07-27_134936Zwischendurch kann man ein Butterbier (und anderes) zu sich nehmen – wir belassen es bei einem pro Person, obwohl es ausgewiesenen Süßmäulern durchaus mundet. Nach dem Fahrenden Ritter und Harrys Geburtshaus in Godric's Hollow (in Originalgröße erbaut für ein paar kurze Szenen im Film) findet man in der zweiten Halle eine Ausstellung von Skizzen und Modellbauten, sodass der Prozess vom Buch zu ersten flüchtig skizzierten visualisierten Ideen, von diesen über Bilder, die Stimmungen ausprobieren sollten, und genaue technische Zeichnungen zum Modell in Papier und anderen Materialien, mit dessen Hilfe beispielsweise Kameraeinstellungen schon vorab geplant werden konnten, nachvollziehbar wird.

2015-07-27_134540Zum Abschluss spaziert man dann noch durch die Winkelgasse. Das anschließende allerletzte Ausstellungsstück ist ein Raum, in dem die Regale bis zu denn Decken gefüllt sind mit Zauberstabschachteln wie bei Ollivanders – nur ist eine jede mit einem Etikett versehen, das genau einen Namen trägt, für jede_n Mitarbeiter_in des Films findet sich in den Regalen so eine Erinnerung.

Danach geht’s nur noch in den Shop, in dem es alles gibt, was des Fans Herz begehren mag. Die Entscheidungen fallen schwer (die Preise sind hoch, und selbst in Zaubererkreisen ist Geld ja nicht beliebig vermehrbar), letztlich geht aber kein Besucher ohne gefüllte Tasche nach Hause.

Lohnt es sich? Ja, für Kenner von Buch und Film durchaus – wer nur an Filmtechnik etc. interessiert ist, findet in einem beliebigen Filmmuseum ähnliche Informationen zu deutlich günstigeren Preisen. Wir fanden’s aber klasse und ich freue mich, dass ich das mit Kind 2 erleben durfte!

Zu Tag 7.

Gelesen. Wyndham.

John Wyndham: The Day of the Triffids. London: Penguin, 2008.

»And I really got hot
when I saw Janette Scott
fight a Triffid that spits poison and kills«

[Richard O’Brien: Rocky Horror Picture Show]

London 2015 – Tag 5.

2015-07-26_144337Vorher: Tag 1Tag 2Tag 3Tag 4.

Der fünfte Tag war wieder ein nasser, und klug geworden durch unsere Erfahrungen am dritten Tag nehmen wir uns diesmal das British Museum, das ich bislang nur als Titelbestandteil eines David-Lodge-Romans kenne, als Ziel vor. Seltsamerweise sind auf diesen Gedanken auch schon andere gekommen, sodass man erst einmal eine Weile im Nieselregen anstehen muss, bevor man in das Gebäude eingelassen wird.

2015-07-26_144418Auch innerhalb des Museums ist es voll, doch konzentriert man sich auf die Exponate und blendet anderes aus, ist die Menge erträglich. Ausnahmen von dieser Regel stellen die Stars – wie etwa der Rosetta Stone – dar, die deutlich umlagert werden. Die Helme aus Sutton Hoo (tatsächlich sind es Rekonstruktionen, weil die Originale bei der Bergung zerstört wurden) wiederum, die ich sehen wollte, weil wir vor einigen Jahren einmal in der Nähe der Ausgrabungsstelle ein Ferienhaus gemietet hatten, waren genauso problemlos zu besichtigen wie die Themenhalle zur Aufklärung, die Räume zum Design des 20. Jahrhunderts und andere mehr – und das an einem regnerischen Sonntag bei freiem Eintritt!

2015-07-26_151222Die Exponate lassen verstummen: wer eine mehr als dreitausend Jahre alte assyrische Keilschrifttafel in ihrer überwältigend schlichten Schönheit sieht, fragt sich vielleicht, was von unserer Zivilisation einmal übrig bleibt – in dreitausend Jahren mag ein forschendes Wesen überlegen, warum in weiten Teilen der Welt handgroße rechteckige, jedoch funktionslose Artefakte mit glasharten Oberflächen gefunden werden, und wird dies möglicherweise einer kultischen Bedeutung zuschreiben, scheint doch ein_e jede_r diese Objekte bei sich getragen zu haben im Moment des Großen Untergangs.

2015-07-26_153306Nach gut zwei Stunden Herumstreifens allerdings haben wir uns dann wie verabredet in der Eingangshalle wiedergetroffen. Nur wenige Schnittmengen gibt es bei den Eindrücken, von denen wir uns erzählen; zu groß ist das Museum, zu kurz war die Zeit. Doch es ist einmal wieder frische Luft nötig, sei sie auch feucht, und so haben uns Londons Straßen wieder.

2015-07-26_163955In einem nahegelegenen Kettencafé nehmen wir einen Tee und Stückchen Kuchen zu uns, spazieren noch ein wenig durch die Stadt, besichtigen den viktorianisch kitschigen Bahnhof St Pancras und fahren dann nach Hause. Postkarten wollen geschrieben werden, zudem müssen wir heute auch früh ins Bett, denn am folgenden Tag ist vergleichsweise zeitig aufzustehen.

Zu Tag 6.

London 2015 – Tag 4.

IMG_0244Vorher: Tag 1Tag 2Tag 3.

Der vierte Tag begann aufgrund feinsten Wetters wieder mit einem Lauf, diesmal durch Crouch End zum Alexandra Park. Weil ich auf der Karte nur nach einer anzusteuernden Grünfläche gesucht hatte, war ich ganz überrascht vom Anblick des 1873 erbauten, wenige Monate später abgebrannten und schon 1875 neu eröffneten Alexandra Palace, der als »People’s Palace« beworben wird und als Veranstaltungszentrum dient.

IMG_0250Eine Plakette am Gebäude macht darauf aufmerksam, dass mittels des Sendeturms am Palast die BBC im Jahre 1936 das erste HD-Fernsehprogramm ausstrahlte. Da ich mich um das Gebäude herum und in Richtung der Stadt erst einmal eine Weile umsah – wie vom vorher besuchten Parliament Hill kann man auch hier einen Blick auf die Skyline Londons werfen –, war für einen ausführlichen Lauf im Park selbst gar keine Zeit mehr und ich kehrte auf fast demselben Weg wieder zurück (Karte).

2015-07-25_142041Nach dem Frühstück starteten wir dann in die Stadt, stiegen irgendwo inmitten der größten Sehenswürdigkeitendichte aus und spazierten dann aufs andere Ufer der Themse. Von hier aus sind prägende architektonische Abenteuer Londons gut zu besichtigen, gerade im Gegeneinander modernster Einfälle und wohlgepflegter Reste früheren Schaffens.

2015-07-25_163428Ein spätes Mittagessen nahmen wir dann im The Old King’s Head ein: außer typischen Pub-Gerichten wie einem Ploughman’s Lunch gibt es dort, wenn man Glück hat (hatten wir), auch vegetarische Lasagne und ebensolches Chili. Große Tassen Tees werden auch serviert (wenn die Bedienung gerade grantig ist, gern auch schon mit Milch) und das Bitter dort ist auch nicht zu verachten.

2015-07-25_165659Nach einer guten Weile im Pub waren die Reserven wieder gefüllt und wir konnten in den nahe gelegenen Borough Market weiterschlendern. Zum Glück waren wir satt, so konnten wir den Lockungen der Händler_innen an den Ständen weitgehend widerstehen – aber ein Nachtisch in Form eines köstlichen Schokokuchens mit Haselnüssen musste dann doch noch mit.

2015-07-25_181921Die Tower Bridge sah ich zum ersten Mal und habe sicher eine Fantastillion Fotos gemacht, um nur ja sicher sein zu können, dass sie gut getroffen sei. Ihr kennt sie natürlich schon längst, und so wird sie hier nicht gezeigt. Wir entfernten uns vom Ufer und suchten die nächste Station der tube, um nun gemeinsam nach Hampstead Heath zu fahren.

2015-07-25_205547Weil wir von einer anderen Seite aus in den Park kamen als bei meinem ersten Kurzbesuch, erkannte ich gar nichts wieder und wir irrten erst einmal eine Weile durch den Park, bevor wir auch hier die Satellitennavigation zur Hilfe nahmen, was allerdings durch eine Baustelle mitten im Park (Neuanlegen eines Teiches), die einige Wege unterbrach, erschwert wurde. Rechtzeitig aber eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang trafen wir dann doch auf dem Parliament Hill ein, setzten uns an den Wegrand, bestaunten die Kulisse und die Atmosphäre (es hatten sich so einige Menschen hier versammelt). Aufgrund irgendeines geologisch-atmosphärischen Phänomens beleuchtet die Sonne kurze Zeit nach dem eigentlichen Verschwinden noch ein letztes spektakuläres Mal die Gebäude in der Stadt, bevor sie dann für den Tag endgültig verschwindet.

Wir machten uns auf, zu Fuß nach Hause.

Zu Tag 5.