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Na gut. Ein Mal Pegida.

Nach dem, was ich von Pegida wahrgenommen habe, halte ich diese Gruppierung im besten Fall für eine Ansammlung politischer Wirrköpfe, die sich hoffentlich bald wieder verläuft. Insbesondere nehme ich Pegida übel, dass sie mir positive Erinnerungen an Dresden (ich denke an die Neustadt, an die Planwirtschaft, an einen Schauspielbesuch etc.) stören.

Einem Besucher dieser Demonstration habe ich auf seinen Reisebericht in etwa so geantwortet:

Für die Reise kann es unterschiedliche Gründe geben. Ich gehe jetzt davon aus, dass das Ziel Deiner Reise nicht die Teilnahme an der Demonstration, sondern die Beobachtung derselben war.

Du schreibst: »Ich habe mich ausgiebig mit dem neuen Phänomen der Partei AfD (Alternative für Deutschland) auseinandergesetzt. Aufgefallen ist mir diesbezüglich, dass die Diskussion mit Gesprächspartnern der AfD fast ausschließlich als unfair und nicht wahrheitsorientiert zu beurteilen ist.«

Hm. Gibt es eine politische Wahrheit? Wenn Du Herrn Lucke als sympathisch wahrnimmst und als ein Versprechen für die AfD, ich ihn aber als schmierig, seinen Standpunkt als fragwürdig, seine Partei als überflüssig, dann sind das unterschiedliche Wahrnehmungen – die aber beide natürlich nicht den Anspruch erheben können, die Wahrheit zu erfassen.

»Kein unvoreingenommener Mensch kann die deutsche Auseinandersetzung mit diesem Phänomen als sachlich bezeichnen. Es kam mir vor, als würden die Mitglieder der AfD zu unrecht, mindestens aber vorschnell in eine rechte Ecke gestellt.«

Nein. Ich vermute, dass kein AfD-Mitglied seinen Standpunkt als »links« versteht. Gegen die Mitte geht die AfD schon in ihrem Namen ganz programmatisch vor: sie will Alternative sein. Die AfD schreibt in ihrer Programmatik »Eine ungeordnete Zuwanderung in unsere Sozialsysteme muss unbedingt unterbunden werden.« Bei der NPD finden wir den ganz ähnlichen Satz »Die völlig verfehlte Zuwanderungspolitik der etablierten Parteien bewirkt in erster Linie eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme und eine weitere unverantwortliche Belastung der deutschen Steuerzahler.« – Zugegeben, die NPD formuliert es ein bisschen schmissiger. Ich könnte sicher Vieles über Äußerungen verschiedenster Verantwortlicher in der AfD, die eindeutig zeigen, dass diese Partei auf jeden Fall eine rechts stehende ist, finden, wenn ich nur suchte - aber das ist es mir nicht wert.

»Dies erfordert nun meines Erachtens eine Definition von “rechts” und “rechtsradikal” sowie “rechtsextrem”.«

Nö. Solche Definitionen gibt es ja, und wir können sie verwenden und Äußerungen von AfD-Funktionären entsprechend prüfen.

»Reflexartig wurden alle Demonstranten in die rechte Ecke gestellt, scheinbar einzig und allein aus dem Grund, sich nicht mit deren Positionen sachlich auseinandersetzen zu müssen.«

Nein. Wer sich unter der Überschrift »Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« mit Gleichgesinnten zusammenfindet, steht nicht für die Sozialistische Internationale. Mit Verlaub, dumm stellen ist nicht erlaubt.

»Den Ausschlag allerdings gab ein Panorama-Beitrag (NDR) über Pegida, in welchem aus dem […] Rohmaterial […] alles annäherungsweise Differenzierende komplett herausgeschnitten oder massiv zerstört wurde, damit es so aussehen musste, als seien die in Dresden demonstrierenden Personen alle von rechter Gesinnung und voller Ignoranz.«

Ich habe mir das Rohmaterial stichprobenartig auch angesehen (mehr habe ich nicht ausgehalten). Die Stichproben zeigten mir (um es vorsichtig auszudrücken) eher nicht differenziert dargestellte Standpunkte, sondern Ressentiments, Halbwahrheiten, Vorurteile, politisches Unwissen, Pauschalisierungen und so fort. Und Du wirst auf einer Pegida-Demonstration nun mal keine linken Positionen vertreten sehen – warum erstaunt Dich also das (insofern ja schlüssige) Ergebnis der NDR-Umfrage?

»Ist dort ein rechter Mob auf der Straße, oder sind es doch Familien und die normalen Leute aus der Mitte der Gesellschaft?«

Der Fehler liegt in der Fragestellung, namentlich im »oder«: man kann rechts und sogar rechtsextrem sein und trotzdem Familie haben, und ja, rechtsextremes Gedankengut kann auch von »normalen Leuten« gepflegt werden.

»Rechtsradikale habe ich auf den mir bekannten Videos (bis zum 22.12.2014 zumindest) kaum oder gar nicht gesehen.«

Rechtsradikalität kann man nicht sehen. Ebenso wie nicht jeder Skin rechtsextrem ist, geht nicht jeder, der rechtsextreme Gedanken denkt, zum Friseur.

»Politiker sagen, diese seien “rechts”, hätten Angst, seien verunsichert, suchten nach Halt, kämen mit Veränderungen nicht klar, seien eine Schande für Deutschland sowie eine Mischpoke etc. Dieses Politikerurteil konnte ich nicht nachvollziehen.«

Einige der hier genannten Standpunkte drücken durchaus auf ein gewisses Verständnis aus und versuchen für eine irrationale Bewegung Gründe zu finden. Wenn Du die unterschiedlichen Standpunkte über einen Kamm scherst und alle zusammen als »die Politiker« fasst, begibst Du Dich gleich in die Denkfigur »Wir gegen die Politiker«.

»Irrational« nenne ich die Demonstranten deshalb, weil ich vermute, dass es gar nicht so sehr um konkrete Forderungen geht, für die die meisten Pegida-Spazierer auf die Straße gehen, sondern eher so ein allgemeines politisches Unwohlsein eine Rolle spielt, in dem man sich als zu kurz gekommen, irgendwie betrogen, irgendwie bedroht, nicht ernst genommen etc. *fühlt*.

»Das gesichtete Panorama-Rohmaterial gab einige Spinner der Lächerlichkeit preis, insgesamt jedoch waren ebenfalls eine gute Zahl von Menschen mit sehr vernünftig klingenden Ansichten dabei.«

Ich nehme Dir ab, dass Du das so empfunden hast – es ist allerdings ein rein subjektiver Eindruck, den ich vermutlich nicht gehabt hätte …

»Die Menschen um mich herum sind normal.«

Was hast Du erwartet? Den wenigsten Menschen sieht man ihre fragwürdigen Ansichten von außen an.

»Einige haben sehr skurrile Anliegen, bspw. die Stärkung von Väterrechten.[…] Ich finde das ok, aber es zeigt mir, dass vieles unter der Flagge Pegida zu gehen scheint. Es sind einfach komische Dinge dabei. Ich schätze, ich habe ca. 20-30 Leute mit komischen Plakaten oder merkwürdigen Forderungen gesehen. Mir scheint, das sind Trittbrettfahrer.«

Das zeigt eben auch, dass Pegida als Phänomen wahrzunehmen ist, eine rationale Auseinandersetzung mit den Positionen (gibt es festgeschriebene?) aber gar nicht möglich ist, weil es sich nicht um eine demokratisch verfasste Gruppierung handelt: mit welcher Legitimation sprechen die Redner auf der Bühne im Namen der vor ihnen Versammelten (und verschweigen dabei beispielsweise die Väterrechte)?

»Dieser “Drive” entlud sich allerdings doch in den Rufen “Lügenpresse”, “Wir sind das Volk!” und “Wir kommen wieder!”. Da konnte man etwas spüren.«

Dann spüre dem nach. Ich deute diese Rufe als 1. undifferenziertes Misstrauen, 2. wahrgenommen werden Wollen (über ein vernünftiges Maß hinaus) bzw. Angst, nicht wahrgenommen zu werden, und 3. Drohung – unsicheres Herumfuchteln mit der Waffe, die da unversehens in der eigenen Hand liegt.

»Insgesamt scheint mir Pegida eine eher männliche Bewegung zu sein. […]«

Die folgenden Beobachtungen zeigen, dass Du – mit den von Dir selbst geäußerten Bedenken – schon sehr genau hinsiehst. Aber auch hier:

»Ich habe 2 Typen mit Thor Steinar-Bekleidung gesehen. Und ich habe schon sehr drauf geachtet. Mehr habe ich nicht gesehen. Es kamen keine Springer-Stiefel, keine Bomberjacken oder zu enge Jeans vor. Jedenfalls nicht so stereotyp, wie das in meinem Gehirn verankert ist. Dort hat sich keine rechte Szene breit gemacht.«

Rechte und rechtsextreme Gedanken zeigen sich nicht zwangsläufig in einem bestimmten Styling. Und es kann sein, dass die rechtsextreme Gesinnung bei einem jungen Skin viel weniger gefestigt (und auch noch beeinflussbar) ist als bei einem äußerlich braven Familienvater.

»Nach dem Besuch der Demonstration hatte ich das Gefühl, dass der Vorwurf der Lügenpresse tatsächlich der nachhaltigste ist. Mir erscheinen die Presseberichte über das Phänomen Pegida nun sehr tendenziös. Ich bin nicht der Meinung, dass derart Berichterstattung gut ist.«

Das halte ich für Unfug. Ein Artikel wie Lenz Jacobsens »Das Pegida-Puzzle« in der Zeit referiert allein in den Zwischenüberschriften acht verschiedene Ansätze, im Text werden einige dieser Ansätze noch weiter differenziert. Das ist ein Artikel in einer Zeitung, die durchaus auch kontroverse Stimmen zulässt. Wer »die Presse« insofern als eins behandelt und als »Lügenpresse« bezeichnet, muss die Komplexität der Wirklichkeit offenbar einem sehr einfachen Denken anpassen. Gleiche Denkfigur wie oben in puncto Politiker.

Zu den »Inhalten« der Pegida-Bewegung sage ich hier nichts …

Gelesen (und lesend). Proust.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. 1: Auf dem Weg zu Swann. Übertragen von Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart: Reclam, 2013.

Die (momentan noch nicht abgeschlossene) Neuübersetzung der Suche war für mich der Anlass, mit der Lektüre dieses Ausnahmewerks zu beginnen. Die ausgesprochen schöne Edition in der Reclam Bibliothek – leinengebunden, fadengeheftet, Schutzumschlag von Forssmann und Feyll – tat ein Weiteres dazu; dass der Verlag ab dem zweiten Band auch erkannt hat, dass eine Ausgabe mit einem ausführlichen Anmerkungsapparat nicht nur ein, sondern zwei Lesebändchen braucht, ist nicht selbstverständlich.

Der Titel ist jedem literarisch Interessierten bekannt, und für eine Vorstellung vom Inhalt (da stippt jemand eine Madeleine in einen Lindenblütenaufguss und erinnert sich aufgrund des gustatorischen Reizes an frühere Lebensphasen) reicht es meist auch noch. Bis diese Szene jedoch geschildert wird, sind wir auf Seite 70 angelangt – und ein Großteil potentieller Leser_innen vermutlich längst abgesprungen, wie es auch mir bei früheren Lektüreversuchen erging.

Dieses Mal lief’s besser, was natürlich auch damit zu tun hatte, dass in den Weihnachtsferien ein wenig mehr Muße war, um sich dem Konzept des Werks zu ergeben, was hinzunehmen (und über längere Sicht gar zu goutieren) beinhaltet, dass der Erzähler über Seiten hinweg in langen, wieder und wieder durch Einschübe und Präzisierungen unterbrochenen und daher nur durch konzentriertes Lesen erfassbaren Sentenzen eine einzige Gefühlsregung analysiert und ausdeutet, ohne dass nun eine Geschichte herkömmlicher Art wesentlich vorangetrieben würde. Fern ist dieser Roman also dem, was man als »Spannung« angepriesen zu bekommen gewohnt ist, weil es sich ganz dem mehr oder minder behaglichen Schwelgen in Erinnerung hingibt, dabei jede noch so kleine emotionale Regung, jedes winzige Geschehnis als wichtig und mitteilenswert begreift. (Spätestens an dieser Stelle wird erkennbar, warum die Kritiker Knausgårds unglücklich betitelte Min kamp-Reihe mit Prousts Roman vergleichen.)

Die Suche besteht insgesamt aus sieben Bänden (insgesamt über 5000 Seiten), von denen ich nun den ersten im Umfang von gut 580 Seiten (ohne Anmerkungen!) gelesen habe. Er ist wiederum aufgeteilt in drei Teile – »Combray«, »Eine Liebe von Swann«, »Ländliche Namen: Der Name« –, die ihrerseits von Umfang und Dichte her mindestens längere Erzählungen ausmachen, wenn nicht gar als Roman gelten könnten. Im ersten Teil wird der ländliche Ort Combray (samt damit verbundenen Erinnerungen) vorgestellt, an dem der Erzähler in Kindertagen mit seinen Eltern, an sich in Paris wohnend, die freie Zeit verbrachte, im zweiten Teil die verhängnisvolle Zuneigung Swanns zu einer Dame fragwürdigen Rufs geschildert, im dritten die Liebe des Erzählers zur Tochter Swanns beschrieben. Alle wichtigen Informationen zu den genannten Geschehenszentren könnten problemlos auf wenigen Seiten mitgeteilt werden; es ist also rasch offensichtlich, dass das Erzählen Prousts einem anderen Antrieb folgt.

In »Combray« beispielsweise werden Spaziergänge mit der Familie, Lektüreeindrücke, persönliche Vorlieben (wie etwa für den Weißdorn), Beziehungen der Figuren untereinander – insbesondere die des Jungen zu seiner Mutter –, aber auch gesellschaftliche Ereignisse, zum Beispiel Besuche und Gegenbesuche, Gründe für und gegen dieselben sowie immer wieder ausführlichst die mal schwärmerischen, mal sentimentalen, mal furchtsamen, mal zuversichtlichen Reflexionen des Erzählers geschildert. Eine leise Ironie ist seinem Ton öfter eigen, wenn es um die mehr oder minder anerkannten Berühmtheiten des provinziellen Lebens mit ihren Eigenheiten geht, die Eifersüchteleien und Sticheleien, das Sich-aus-dem-Weg-Gehen wie das bewusste Suchen vermeintlich wichtiger Bekanntschaften und so fort. Die Sehnsucht des (zum Beispiel zu viel, unglücklich oder unerwidert) Liebenden wird in verschiedenen Variationen zart, mit der Überempfindsamkeit des Liebesleidenden vielfältig und in allen Facetten erfasst.

Der zweite Band liegt schon bereit.

Buch bei Amazon ansehen.

Philosophie des Geistes – online.

Unter dem Titel openMIND stellt die von Thomas Metzinger koordinierte MIND Group Texte rund um das Thema Bewusstsein ins Netz. Unter den Autoren sind (nach einem raschen Rundblick anscheinend) alle, die im Hinblick auf die philosophisch geprägte Bewusstseinsforschung Rang und Namen haben (oder erwerben wollen). Die Sammlung ist sowohl als PDF als auch im ePUB-Format verfügbar. [Via FAZ, Papierversion]

Gelesen. Mohl.

Nils Mohl: Es war einmal Indianerland. Reinbek: Rowohlt, 2014.

(Im November in Sankelmark erlebte Lesung war besser als das Buch. Hm.)

Charlie Hebdo.

Titelbild der LibérationIn einer Stundenreihe über Sachtexte, begleitet von der Zeit für die Schule, erarbeiten sich die S gerade Fertigkeiten der Textanalyse. Das nebenstehende Titelblatt der Libération war heute morgen der Ausgangspunkt unseres Unterrichtsgespräches über die Bedeutung der Pressefreiheit und -vielfalt.

Auf den Anlass hätte ich gern verzichtet. Aber den Anschlag aussparen kann man heute nicht.